Mittwoch, 18. Mai, 2022
Feuilleton

Vom Gottesträgervolk bis zum vagen Bündel zerknitterten Unbehagens

Von Ulrich Schmid

Zwischen Faszination und Ablehnung. Dostojewski und die Deutschen

Als das Abendland unterging, leuchtete über Deutschland von Osten her eine neue Sonne auf. Oswald Spengler sah die westliche Zivilisation im Niedergang begriffen und erblickte in Russland den Kulturtyp der Zukunft. Der europäische Rationalismus schien sich in der industriellen Mechanisierung und in kleinteiligem Spezialwissen totzulaufen. Für Spengler war ganz klar Fjodor Dostojewski der kommende Messias, der sich über die sozialen und politischen …

Was es heißt, die Wahrheit zu sagen

Von Anselm Bühling

Ein Ereignis: Wassili Grossmans großer Roman *Stalingrad* erscheint zum ersten Mal in seiner rekonstruierten Fassung auf Deutsch

1943 beginnt der Schriftsteller Wassili Grossman mit der Arbeit an einem monumentalen Romanwerk. Es spielt vor dem Hintergrund des Deutsch-Sowjetischen Krieges, der zu dieser Zeit noch mitten im Gange ist. Die Handlung setzt im April 1942, fünf Monate vor der Schlacht um Stalingrad, ein und endet ein Jahr später, zwei Monate nach der …

Go East!

Von Horst Schneider

Johannes Voigtmann hat den ungewohnten Schritt gewagt, der NBA abzusagen. Als erster Deutscher spielt er Basketball für das Moskauer Spitzenteam ZSKA

Die Teilnahme an den Olympischen Spielen ist für jeden Sportler ein Karriere-Höhepunkt, der indes für die meisten nur ein schwer realisierbarer Traum ist. Die deutschen Basketballer qualifizieren sich etwa nur alle 20 Jahre für das Olympia-Turnier. Umso größer war der Jubel im vergangenen Sommer, als die auch noch durch …

Mehr Licht

Von Stefan Matuschek

Die Romantik findet man nicht in der deutschen Seele, sondern im Austausch der europäischen Literatur. Mit Goethe lässt sich das besser verstehen. Zur Eröffnung des Deutschen Romantik-Museums in Frankfurt am Main

In diesem September öffnete in Frankfurt am Main das erste *Deutsche Romantik-Museum*. Warum in Frankfurt und nicht in den historischen Romantiker-Städten Jena oder Heidelberg? Der Grund dafür hat einen Namen, einen berühmten: Johann Wolfgang von Goethe. Das …

Verblüffende Parallelen

Von Guido Kemmerling und Jan Kantorczyk

Romantik-Ausstellung in Moskau – eine Rückschau und ein Ausblick

Ein warmer Samstagabend im Moskauer Sommer. Im Gorki-Park herrscht buntes Leben. Viele Menschen flanieren oder treiben Sport, unterhalten sich, lachen oder schauen auf die vorbeifließende Moskwa. Doch trotz des guten Wetters ist auch die Romantik-Ausstellung in der benachbarten Tretjakow-Galerie außerordentlich gut besucht. Jung und Alt möchten in den abgedunkelten Räumen die Bilder der romantischen Maler aus Deutschland und Russland betrachten – …

Niemand wollte sich vereinigen

Von Leonid Mletschin

Für eine kurze Zeit, zwischen dem Tod Stalins und der endgültigen Machtübernahme Chruschtschows, wollte Lawrenti Beria die beiden deutschen Staaten wiedervereinigen. Die Geschichte ist verwickelt

Im Sommer 1953 begannen in Ost-Berlin Ereignisse, die die DDR in ihren Grundfesten erschütterten: Die mit ihrem Leben unzufriedenen Arbeiter – das Rückgrat der Regierung – revoltierten gegen die kommunistische Regierung!

In Moskau war man alarmiert. Am 2. Juni wurden Walter Ulbricht, Generalsekretär des Zentralkomitees …

Europa in all seiner Vielfalt

Von Zelfira Tregulowa und Walter Smerling

Im alten Flughafen Tempelhof in Berlin wurde unter Schirmherrschaft der Stiftung Petersburger Dialog das Ausstellungsprojekt „Diversity United“ zur Präsentation der modernen Kunst Europas eröffnet

Die europäische bildende Kunst spiegelt die ganze Vielfalt des Projekts Europa wider: die Suche nach Identität, die Widersprüche, Zweifel, Risiken und Chancen, die sich in Gegenwart und Zukunft immer wieder neu ergeben. Kunst besitzt die Fähigkeit, als Katalysator für Integration und Dialog zu wirken. Diese Eigenschaft …

„Und es beginnt in meiner Hand, wie damals, aufzutauen“

Von PD

Je mehr Widerstand, desto größer die Spannung: Eine Anthologie der zeitgenössischen russischen Dichtung in deutscher Übersetzung

*Petersburger Dialog*: Tolstoi, Dostojewski, Tschechow. Vermutlich erschöpft sich mit diesen Namen die Kenntnis der russischen Literatur beim durchschnittlichen europäischen Lesepublikum. Weit weniger Menschen kennen Puschkin, geschweige denn die heutige russische Literatur, insbesondere die Poesie. Alexander Nitzberg, der bekannte und vielfach prämierte Lyrikübersetzer (unter anderem für seine Übertragung des Romans „Meister und Margarita“), wollte diese

Überraschung: Beethoven und Russland

Von Klaus Harer

Pjotr Iljitsch Tschaikowski bekam von seinem Lehrer Anton Rubinstein für seine Abschlussprüfung am Petersburger Konservatorium eine wahrhaft furchterregende Prüfungsaufgabe: Er sollte eine russische Kantate auf Friedrich Schillers „Ode an die Freude“ schreiben. Innerhalb eines Monats schuf Tschaikowski ein Werk mit dem Titel „An die Freude“ für Solisten, Chor und Orchester, das kurz darauf, im Dezember 1865, im Konservatorium aufgeführt wurde. Tschaikowski ließ die Kantate unveröffentlicht, denn, so schrieb er noch …

Enttäuschend: Werner Herzogs Film „Gorbatschow – Eine Begegnung“

Von Michail Trofimenkow

Von Werner Herzog, dem Rhapsoden der Abenteurer und Tyrannen, erwartet man einen so braven Film zuletzt. „Gorbatschow – Eine Begegnung“, so der Titel, wirkt wie ein Kapitel aus einem Geschichtslehrbuch. Vielleicht zum ersten Mal spielte Herzog, der sein Leben lang gegen alle nur möglichen Regeln aller künstlerischen und politischen Spiele verstoßen hat, nach Regeln, noch dazu nach den Regeln des Fernsehjournalismus.

Auch die russischen Zuschauer müssen enttäuscht sein, schließlich haben …