Donnerstag, 21. Oktober, 2021

Springen, wenn die Glocke läutet

Von Ursula Weidenfeld

Zu stark und zu schwach zugleich – wie Angela Merkel Deutschland zur Telefonzentrale der Welt machte

Zu dieser Geschichte gibt es keine Bilder, nur ein paar Erzählungen. Die Europäische Union steckt im Dezember 2005 in der Sackgasse. Der Verfassungsvertrag ist gescheitert, die Mitgliedsländer streiten erbittert um ein neues Budget. Es geht nicht nur um Geld, Einfluss und Subventionen für die Landwirtschaft – es geht auch um die Zukunft einer handlungsfähigen EU mit damals 25 Mitgliedern. Der amtierende Ratspräsident Tony Blair zieht sich am Abend dieses 16. Dezember frustriert in die Präsidentensuite des Justus-Lipsius-Gebäudes zurück. Die anderen Regierungschefs finden sich damit ab, dass dieser Gipfel wohl scheitern wird. Sie verabschieden sich nach und nach in den Abend.

Nur eine Politikerin aus Deutschland wuselt noch herum. Sie redet mal hier und mal da, stellt sich dem einen vor, grüßt den nächsten und landet schließlich in einem langen Zwiegespräch mit dem französischen Präsidenten Jacques Chirac. Es ist Angela Merkel, die erst wenige Tage zuvor zur deutschen Bundeskanzlerin gewählt wurde.

Am nächsten Morgen ist ein Ausweg gefunden. Merkel hat ihre Rolle für die kommenden 16 Jahre entdeckt und ganz nebenbei auch die ihres Landes für die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts definiert. Deutschland wird Mittelmacht Europas: kompromissorientiert, ausgleichend und (natürlich) auch am eigenen Fortkommen interessiert. „Die Welt trat in das Zeitalter Merkels ein“, schrieb der britische Politikwissenschaftler und Journalist Matthew Qvortrup später.

Merkel setzt nicht auf Visionen, sondern auf Sekundärtugenden. Sie boxt ihre Positionen nicht durch, sondern verbirgt sie. Sie will keine Freunde, sie sucht Verbündete. Verhandeln bis zum Umfallen, schlimmstenfalls wenig elegante Kompromisse als Erfolg nachhause tragen, sich nicht in den Vordergrund drängen. So macht sie in einer Zeit internationale Politik, in der immer mehr ihrer Gesprächspartner auf die entgegengesetzte Strategie setzen: Charisma, große Entwürfe, Powerplay. Die Methode Merkel hat – bis auf wenige Ausnahmen, die meist mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump oder mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu tun haben – Erfolg.

Das konnte im Dezember 2005 noch niemand wissen. Nur im Rückblick wirkt es so, als habe Merkel schon damals felsenfest vorgehabt, 16 Jahre lang im Amt zu bleiben, Erfahrung zu sammeln, und Gesprächsfäden zu spinnen, die sich erst Jahre später als nützlich erweisen sollten. Zunächst einmal ist es der Unbekannten in der Brüsseler Dezember-Nacht nur gelungen, ein höheres EU-Budget zu verhandeln, den Briten ein kleines bisschen von ihrem Beitragsrabatt abzuluchsen und den Franzosen das Gefühl zu geben, bei der Frage der Agrarmilliarden an ihrer Seite zu stehen. Den größten Teil der Rechnung würde Deutschland übernehmen. „Deutschland war auf einmal konstruktiv“, erzählen Teilnehmer dem Merkel-Biografen Qvortrup. Oder, andersherum: Das Auftauchen einer Frau ohne Eigenschaften in der selbstbewussten Welt der Politik-Popstars Tony Blair und Jacques Chirac macht in Europa Vereinbarungen möglich, wo es bisher (unter ihrem Vorgänger Gerhard Schröder) oft bei verbaler Kraftmeierei geblieben oder zu Verträgen gekommen war, die am Ende nicht hielten.

Merkel kommt ohne die Symbolik der Macht aus, die man dem Wähler zur Abstimmung vorlegen müsste. Als „Ästhetik der Armut“ kennzeichnet der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte diesen Stil. Nach außen funktioniert das gut, innenpolitisch jedoch bleibt – von einer Renten- und Sozialreform bis zu einem vernünftigen Klimaschutzgesetz – zu viel liegen.

Dieser Haltung liegt eine zentrale Erkenntnis zugrunde: Die wirtschaftliche Stärke Deutschlands seit 2005 beruht weniger auf dem Fleiß, der Reformbereitschaft und der Erfindungskunst der Deutschen als auf den Problemen der anderen. Die Schwäche der europäischen Gemeinschaftswährung nutzt der exportorientierten deutschen Industrie. Die laxe Geldpolitik der Notenbank kreiert ein Zinsniveau, das nahezu über die gesamte Amtszeit der Kanzlerin unterhalb des für Deutschland angemessenen Levels liegt. Die Folge: In einer Zeit, in der Griechenland und Zypern am Rand des Staatsbankrotts manövrieren, Italiens Wirtschaft nicht vom Fleck kommt und Großbritannien schließlich in den Brexit schlittert, wächst die deutsche Wirtschaft beständig, die Arbeitslosigkeit nimmt ab, das Staatsdefizit schrumpft, die Ausfuhren erreichen spektakuläre Ausmaße.

International nehmen in dieser Zeit die Gegensätze zu. Zwischen der westlichen Welt und Russland kracht es, die USA und China liefern sich einen Systemwettbewerb, der immer erbitterter geführt wird. Im Nahen Osten versuchen die Nato-Verbündeten vergeblich, neben dem Kampf gegen den Terror auch die jungen Demokratien zu stärken. Syrien versinkt in einem verheerenden Bürgerkrieg, Afghanistan fällt an die Taliban zurück. Nordafrika wird zur Transitzone der ersten großen Welle von Klima-, Hunger- und Bürgerkriegsflüchtlingen.

Eine der von Angela Merkel mit Bedacht erzählten Geschichten aus ihrer Kindheit geht so: Als Schülerin steht sie auf dem Dreimeterbrett – und springt erst, als die Schulglocke den Sportunterricht schon beendet. Keine Sekunde zu früh, aber eben gerade noch so, dass die Leistung zählt. Sie erzählt das nicht ohne Hintersinn. Es ist die Selbstdeutung ihres ureigensten Regierungsprinzips: das des Zögerns. Und es ist das Herausstellen einer vermeintlichen Schwäche, die sie selbst als Stärke empfindet. Sie sieht es als Wartenkönnen: „Wenn ich mir etwas Zeit nehme, um zu meiner Meinung zu kommen, muss ich hinterher nicht damit hadern.“ Sie wartet in der Finanzkrise mit dem Konjunkturpaket, in der Eurokrise mit der Griechenlandrettung, in der Migrationskrise mit den Verhandlungen mit der Türkei.

Aber am Ende ist sie es, die springt, wenn die Glocke läutet.

Darauf können sich die anderen verlassen. „Deutschland ist zu stark, um in den Strukturen Europas aufzugehen, und es ist zu schwach, um den anderen Nationen seine Vorstellung von der richtigen Politik aufzuzwingen“, analysiert der Journalist Stefan Kornelius das außenpolitische Dilemma des Landes. Die Kanzlerin ist die erste Politikerin Deutschlands, die sich darin einrichtet. Anders als Helmut Kohl, der Europa allein in der deutsch-französischen Freundschaft voranbrachte, anders als Gerhard Schröder, der das Land als eigenwilligen Solitär in Europa prägte, bezieht Merkel den selbst gewählten Posten als Telefonzentrale der Welt. Das Vermitteln und Verbinden wird ihre Mission. Nur widerwillig übernimmt sie in der Finanz- und Eurokrise der Jahre 2008 bis 2015 das Steuer, und in der Migrationskrise des Jahres 2015 macht sie die Erfahrung, dass ihr die Führungsrolle ganz schnell entgleitet, wenn Deutschland unter Zeitnot gerät.

Anders als ihr Vorgänger Gerhard Schröder ist Angela Merkel bereit, den politischen und finanziellen Preis für diese Rolle zu bezahlen.

Der Traum von einem neuen Deutschland, das erfolgreich und freundlich ist und rücksichtsvoll mit seinen Partnern umgeht, nimmt im Jahr 2006 Gestalt an – weniger in der Politik als auf einem anderen, völlig unerwarteten Feld. Die Fußball-Weltmeisterschaft des Jahres 2006 wird zum deutschen „Sommermärchen“. Deutschland präsentiert sich gastfreundlich, begeisterungsfähig, heiter und am Ende sogar als fairer Verlierer. Angela Merkel entdeckt die Zivilgesellschaft, den Profifußball, die Kultur und sogar die Bierseligkeit, die allesamt helfen sollen, das neue Deutschlandbild in die Welt zu tragen. Sie sei schon seit Studententagen fußballbegeistert, weist sie den Verdacht zurück, sie habe sich nur aus strategisch-kanzlerischen Motiven an die Nationalmannschaft herangepirscht. Doch die Verlockung eines Image-Transfers ist zu schön, um einen Überraschungsbesuch in der Mannschaftskabine auszuschlagen. So wünscht sich die neue Kanzlerin ihr Land, und so will sie es im Jahr 2015 wieder erleben, als hunderttausende Flüchtlinge aus Syrien nach Deutschland kommen. Diesmal scheitert sie. Deutschland ist doch nicht ganz so, wie die Kanzlerin ihr Land gerne hätte.

Doch so wenig, wie Angela Merkel triumphiert, wenn sie eine Einigung zustande bringt, so wenig nimmt sie ihre Niederlagen persönlich. Die promovierte Physikerin ist seit jeher der Auffassung, dass das Leben im Großen und Ganzen dem Energieerhaltungssatz folgt: Es geht nichts verloren, am Ende gleicht sich alles aus, Lob und Kritik, Siege und Niederlagen inklusive.

Nach dem Überraschungserfolg von 2005 wird in der deutschen Ratspräsidentschaft 2007 der Vertrag von Lissabon verhandelt. Der ist zwar kaum mehr als ein Verfahrensdokument – die europäische Nationalhymne wird gestrichen, die gemeinsame Flagge oder der Titel des europäischen Außenministers – doch er sorgt dafür, dass die Europäische Union mit nun 27 Mitgliedern arbeitsfähig bleibt. Das ist doch auch ein schöner Erfolg, findet die Kanzlerin und verwischt ihre Spuren: Dass der neue Vertrag in Lissabon, und nicht in Berlin unterschrieben wird, ist der Politikerin mit dem notorischen Unschuldsgesicht sehr recht. „Noch nie war Deutschland uns so ein guter Nachbar“, seufzt der frühere EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker zum Abschied von der ewigen Kanzlerin.

Elegant sind die merkelschen Lösungen selten, dafür aber haltbar. Das ist der Merkel-Mythos. Ihre Nachfolger werden gut zu tun haben, diesen Ruf von der Person aufs Kanzleramt und dann aufs Land zu übertragen.

Ursula Weidenfeld
ist Journalistin und Autorin. Im August erschien ihr Bestseller „Die Kanzlerin. Porträt einer Epoche“ bei Rowohlt Berlin. 2007 erhielt sie den Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik.