Sonntag, 15. Dezember, 2019

Wie Fake News entstehen und was die Medien aus dem Fall Relotius lernen können – deutsche wie russische gleichermaßen

Von Artem Sokolov

Im Dezember 2018 erlebten die deutschen Medien wohl einen der aufsehenerregendsten Skandale der neueren Geschichte. Der Spiegel-Reporter Claas Relotius legte ein schockierendes Geständnis ab: Ein wesentlicher Teil der von ihm verfassten Artikel enthalte mehr oder weniger zweifelhafte bis vollständig erfundene Fakten. Zu dieser Erklärung zwang ihn das Ergebnis der Recherche seines Kollegen Juan Moreno, der Relotius nachwies, dass er in seiner Reportage über amerikanische Bürgerwehren an der Grenze zwischen den USA und Mexiko nicht korrekt gearbeitet hatte.

Auch früher schon wurden Journalisten angesehener Zeitschriften bei Fälschungen ertappt. Man denke an Stephen Glass, Redakteur der Zeitschrift The New Republic. Genau wie Relotius war Glass in den 1990er-Jahren ein Hoffnungsträger des jungen Journalismus, seine Artikel fanden bei den Lesern große Resonanz. Sehr packend war sein Bericht „Hack Heaven“ über einen jugendlichen Hacker, der einen Job in einer Computerfirma bekommen konnte, deren Sicherheitssystem er zuvor gehackt hatte. Leider waren sämtliche Personen dieser ergreifenden Story nur die Früchte der blühenden Fantasie des Autors, wie die Recherche des Magazins Forbes an den Tag brachte. Es war nicht der einzige Artikel, den Glass teilweise oder vollständig erfunden hatte. Die Karriere des jungen Journalisten war damit beendet.

Die Fälle Relotius und Glass haben vieles gemeinsam. Beide wollten sie starke Artikel schreiben, echte Stories oder bedeutungsvolle Parabeln, mit Helden und Schurken, mit Intrigen und einem Happy End. Neben der Eitelkeit, die sicher eine Rolle spielte, wollten diese jungen Journalisten aber auch nicht langweilen.

In einer Hinsicht aber unterscheidet sich der Skandal beim Spiegel von den Vorgängen im New Rebublic. Viele der Freizügigkeiten in Relotius‘ Reportagen hatten weniger mit der künstlerischen Seite der Artikel zu tun, vielmehr schnitten sie den Text auf die Erfordernisse des politischen Mainstreams in Deutschland zu.

Ein anschauliches Beispiel ist sein Artikel über die amerikanische Kleinstadt Fergus Falls, in welcher der größte Teil der Einwohner bei den Präsidentenwahlen 2016 für Donald Trump gestimmt hatte. Die Reportage war so übervoll von Klischees über die amerikanische Provinz, dass die Einwohner der Stadt sich zu einem Protestbrief veranlasst sahen. Sie wiesen darauf hin, dass der Film „American Sniper“, der angeblich noch immer die Kinos der Stadt füllte, dort schon seit langem nicht mehr lief, und dass es niemals ein Schild mit der Aufschrift „Mexicans Keep Out“ am Ortseingang gegeben habe.

Ein anderes Beispiel ist Relotius‘ Interview mit Traute Lafrenz, der letzten Überlebenden der „Weißen Rose“, in der sie die Demonstranten in Chemnitz angeblich mit den Nazis gleichsetzte. Lafrenz, inzwischen 99 Jahre alt und seit langem in den USA lebend, hatte allerdings von diesen Demonstrationen gar nicht gewusst, und darüber hinaus bemerkte sie noch eine ganze Reihe von Abweichungen im Interview von dem, was sie wirklich gesagt hatte.

Im Unterschied zu Glass, dessen ausgedachte Story über den jugendlichen Hacker die zu der Zeit allgemein anwachsende Sorge über die Entwicklung der Computertechnologie ausnutzte, verfestigten die Artikel von Relotius die Politisierung eines schwarz-weiß gemalten Weltbilds, wie es den Empfindungen unkritischer Leser wohltat. Er passte sich dem politischen Mainstream an. Wie er selber eingestand, hatte er, der vielfach ausgezeichnete Journalist, Angst vor einem Absturz.

Dank einer Politik der maximalen Transparenz gelang es dem Spiegel, die Folgen des Skandals so weit wie möglich abzumildern. Die Redaktion gelobte, das Prinzip des Faktenchecks zu überprüfen, die Prüfverfahren zu straffen und die „Unschuldsvermutung“ der Autoren aufzugeben, unabhängig von ihren jeweiligen Verdiensten. Das Magazin veröffentlichte auf seiner Website eine Liste der Artikel Relotius‘, zusammen mit den vom Autor eingestandenen Unrichtigkeiten. Die Redaktion bat Personen, die in seinen Artikeln vorgekommen waren, diese auf Authentizität zu prüfen und Fehler aufzuzeigen.

Aber davon abgesehen: Können all diese Maßnahmen eine Wiederholung solcher Fälle mit hoher Zuverlässigkeit verhindern? Faktenchecks fanden schon immer statt, und sie galten als sehr kompetent. Den Kollegen in der Spiegel-Redaktion, die verantwortlich für die Überprüfung der Fakten sind, waren wohl dann und wann Fragen zu Relotius‘ Texten gekommen, doch aufgrund seiner hohen Reputation gingen sie ihnen nicht nach. So blieb auch der Brief der Einwohner von Fergus Falls zunächst unbeantwortet.

Aber die Ursachen für den Skandal um Relotius liegen nicht in einem Versagen der redaktionellen Prozesse, sondern in der Spezifik der modernen Informationssphäre und der Psychologie der Leser.

Das Erfolgsrezept der erfundenen Reportagen bestand in einer spannenden Story, deren Sachverhalte und Protagonisten den gängigen weltanschaulichen Stereotypen des durchschnittlichen Lesers entsprachen. Für den Leser ist es reizvoll, einem Artikel zu folgen, der wie eine literarische Erzählung geschrieben ist, und darin die Bestätigung seines Weltbilds zu finden, in dem die Wähler von Donald Trump den Typus des klassischen amerikanischen „Redneck“ verkörpern. Und natürlich muss die letzte Überlebende der „Weißen Rose“ unbedingt die AfD mit der NSDAP assoziieren.

Die modernen Technologien ermöglichen es allen, die über einen Internetzugang verfügen, gefälschte journalistische Artikel zu entlarven. Aber es ist schwer, die Gemengelage aus Fakten und Dementis, Wahrheiten und Lügen zu durchschauen. Für viele Leser ist es sehr viel einfacher, darin die Aspekte herauszufiltern, die seinen Vorstellungen von richtig und falsch entsprechen, als den entgegengesetzten Standpunkt zu analysieren.

Selbst die Tatsache, dass sich Informationen am Ende als unwahr herausstellen, ist kein Argument für die Revision einer Meinung. Die Logik funktioniert so: Es ist möglich, dass die Einwohner von Fergus Falls in Wirklichkeit nicht so beschränkte Provinzler sind, aber vermutlich ist es nicht schwierig, in Amerika eine andere Kleinstadt zu finden, in der die von Relotius erfundenen Personen ganz real sind. Und auch wenn Traute Lafrenz von den Demonstrationen in Chemnitz nichts wusste, hätte sie die Aktionen rechter Populisten wohl kaum gutgeheißen.

Mit anderen Worten, moderne Konsumenten von Informationen sind geneigt, um sich herum einen Schutzkokon zu schaffen, in dem ihre Überzeugungen durch ausgewählte Fakten bestätigt werden. Informationen, die diesen Überzeugungen widersprechen, haben kaum eine Chance, als ein alternativer Gesichtspunkt wahrgenommen zu werden.

Die neue Informationswirklichkeit stellt besondere Anforderungen an professionelle Journalisten. Durch das „Weiße Rauschen“ der modernen Medien hindurch ist es bisweilen schwierig, die Aufmerksamkeit der Leser zu finden. Aber das Manipulieren mit Fakten und Emotionen ist nur scheinbar ein effektiver Weg. Tatsächlich wird dadurch nur das Misstrauen gegen die Presse verstärkt, weil sie sich von der Realität entfernt, die komplizierter und interessanter ist als das vermittelte Bild.

In der Ära des Kampfs gegen Fake News ist es wichtig, Mut zu zeigen und bereit zu sein, Fehler einzugestehen, ohne dabei Autorität und Reputation zu verlieren. In diesem Sinn ist der Fall Relotius auch für die russischen Medien lehrreich.

Artem Sokolov
ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO-Universität).