Freitag, 17. September, 2021

Von Moskau nach Ost-Berlin

Von Fritz Pleitgen Pleitgen im Gespräch mit Sowjetführer Leonid Breschnew und US-Präsident Richard Nixon (Juli 1973 in San Clemente, Kalifornien)

Aus meinem Leben als Korrespondent in der Sowjetunion und der DDR

Der 22. Dezember 1976 war ein hübscher Wintertag in Moskau. Ein bisschen Schneefall, kein Wind, etwas Sonne, leichter Frost. Schöne Aussichten für Weihnachten! Ich war Korrespondent in der Sowjetunion. In dem atheistischen Staat waren natürliche Weihnachtsbäume nicht zu erwerben. Die Jolka, der Tannenbaum, wurde nur in Plastik verkauft. Nichts für meine Familie! Die schwedische Botschaft bot Hilfe an. Sie importierte jede Menge Christbäume für Diplomaten und westliche Korrespondenten. Auch ich durfte mich bedienen. Meine Frau war mit dem Ergebnis zufrieden.

In meinem Büro klingelte der Nachrichtenticker. Eilmeldung. „ARD-Korrespondent Lothar Loewe von DDR ausgewiesen.“ „Idioten!“, dachte ich und ahnte nicht, dass die Folgen der Loewe-Ausweisung mein Leben drastisch verändern würden. Es klingelte wieder. Der Text, den Loewe am Vorabend in der Tagesschau gesprochen und der zu seiner Ausweisung geführt hatte, wurde nachgeliefert:

„Die Menschen in der DDR verspüren die politische Kursverschärfung ganz deutlich. Die Zahl der Verhaftungen aus politischen Gründen nimmt im ganzen Land zu. Ausreiseanfragen werden immer häufiger in drohendem Ton abgelehnt. Hier in der DDR weiß jedes Kind, dass die Grenztruppen den strikten Befehl haben, auf Menschen wie auf Hasen zu schießen.“

Wahrheitswidrig waren die Sätze nicht, der Korrespondent konnte nur nicht die juristischen Nachweise liefern. Wahrheitswidrig war hingegen die Begründung des Regimes, Loewe sei die Akkreditierung wegen gröbster Diffamierung des Volkes der DDR entzogen worden. Die ostdeutschen Bürgerinnen und Bürger haben die Worte des westdeutschen Fernsehkorrespondenten sicher für zutreffend gehalten.

Ich versuchte, meinen geschassten Kollegen in Berlin zu erreichen. Vergeblich. Am ersten Weihnachtstag hatte ich schließlich Erfolg. Er hatte seinen Platz in Ost-Berlin bereits geräumt. Nachdem wir uns über die Engstirnigkeit von Autokraten hinreichend ausgetauscht hatten, machte ich Lothar Loewe einen Vorschlag. In wenigen Monaten stand der Besuch des westdeutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher in Moskau an. Ich lud Loewe ein, die Berichterstattung über das sowjetisch-deutsche Treffen zu übernehmen. Er nahm das Angebot gerne an.

Loewe hatte als Mitglied der Pressebegleitung unseres Außenministers keine Probleme, in die Sowjetunion zu gelangen und anschließend über Genschers Gespräche mit dem russischen Außenminister Andrei Gromyko in der Tagesschau zu berichten. Ost-Berlin hatte ihn ausgewiesen, aber aus Moskau durfte er senden. In Ostdeutschland verstanden die Menschen die unausgesprochene Botschaft des Berichts: Die Macht ihrer mediokren Autokraten reichte für die DDR, aber nicht für den „großen Bruder“ Sowjetunion. Das war unser kleiner Triumph. Aber an der Sache änderte sich nichts. Das Regime in Ost-Berlin nahm die wütenden Proteste von Politik und Medien aus dem Westen dickfellig hin, bis sich die Empörung legte, was schnell der Fall war. Wie üblich!

Seit Dezember 1970 lebte ich mit meiner Familie als Fernsehkorrespondent in der Sowjetunion. Die ersten fünf Jahre waren fürchterlich. Viel zustande bringen konnte ich nicht. Ich hatte keinen eigenen Kameramann, damit stand ich quasi unter Zensur. Da in der Sowjetunion alles staatlich war, brauchte ich nahezu für jeden Beitrag eine Genehmigung des sowjetischen Außenministeriums. Dann kam 1975 die Europäische Sicherheitskonferenz (KSZE) in Helsinki, sie brachte menschliche Erleichterungen (Korb 3 des Abkommens) in den Beziehungen zwischen Ost und West. Auch wir Auslandskorrespondenten profitierten davon. Die Presseabteilung des sowjetischen Außenministeriums (MID) bestellte mich ein, um mir offiziell mitzuteilen: ich könne die Akkreditierung eines Kameramanns meines Senders beantragen. Der WDR schickte mir Jürgen Bever. Als Kameramann erhielt er in Moskau den historischen Presseausweis „Kino-Operator 001“. Wir nannten ihn den „Geist von Helsinki“. Gemeinsam konnten wir endlich eine unabhängige Berichterstattung aufbauen.

Was vorher nicht möglich war, holten wir nach. Endlich konnten wir die Bürgerinnen und Bürger ohne staatliche Genehmigungen auf der Straße befragen. Nun brauchten wir weniger das sowjetische Außenministerium als gute Kontakte zu interessanten Menschen. Wir fanden sie vor allem in der Kunst- und Kulturszene, der Germanist Lew Kopelew, ein enger Freund von Heinrich Böll und Andrej Sacharow, half uns bei der Vermittlung. So stellten wir unserem Publikum in Deutschland die Schriftsteller Juri Trifonow und Valentin Rasputin, die Dichter Andrej Wosnessenskij und Bella Achmadulina, die Dichter und Sänger Wladimir Wyssotzkij und Bulat Okudschawa, die Maler Boris Birger und Oskar Rabin, Ilya Kabakov und Wladimir Nemuchin mit ihren nonkonformistischen Freunden vor, und aus der Wissenschaft die Regimegegner Andrej Sacharow und Juri Orlow.

Wir Korrespondenten erlebten seinerzeit im damaligen Ostblock zwei gegenläufige Entwicklungen: Während sich unsere Arbeitsbedingungen in der Sowjetunion deutlich verbesserten, wurden sie in der DDR im gleichen Maße schlechter.

Was Anfang 1977 hinter dem Eisernen Vorhang im Osten geschah, interessierte im Westen wenig. Unsere Politik richtete den Blick über den Atlantik hinweg auf Amerika, wo mit Jimmy Carter ein neuer Präsident ins Weiße Haus gewählt worden war. Er war ein frommer Mann. Würde er die Realpolitik seiner Vorgänger Nixon und Ford fortsetzen? Würde er auf Verständigung mit den Gottlosen im Kreml setzen? Das waren die Fragen, die uns im Verhältnis zum kommunistischen Osten interessierten. Die DDR war da nur eine kleine Nummer. Im Übrigen hatten wir heftige Probleme im eigenen Staat, der von Terroranschlägen der Roten Armee Fraktion (RAF) heimgesucht wurde.

Dennoch verloren die Verantwortlichen der ARD die Frage nicht aus den Augen, wer auf Loewe folgen sollte; insbesondere der damalige WDR-Intendant Friedrich-Wilhelm von Sell klemmte sich dahinter. Aus gutem Grund! Der Westdeutsche Rundfunk war zusammen mit dem Norddeutschen Rundfunk und dem Sender Freies Berlin (SFB) für die Besetzung und den Betrieb des ARD-Studios in der DDR zuständig. Die drei Intendanten ließen das DDR-Außenministerium nicht vom Haken. Obwohl sich die deutsch-deutschen Beziehungen längst beruhigt hatten, verlangten sie für die Loewe-Ausweisung nun die Akkreditierung von zwei Fernsehkorrespondenten, gewissermaßen als Schmerzensgeld.

Die DDR-Führung gab tatsächlich nach. Der erste Kandidat war mit Lutz Lehmann schnell gefunden. Genau die richtige Wahl! Lehmann, Redakteur des angesehenen Politmagazins Panorama, hatte sich große Meriten als investigativer Journalist erworben. Er war nicht nur ein penibler Rechercheur, sondern auch ein versierter Filmemacher mit exzellentem Sprachgefühl. Überdies hatte er bei Recherchen zur deutschen Zeitgeschichte viel Erfahrung mit DDR-Behörden erworben.

WDR-Intendant von Sell war mit der Wahl von Lutz Lehmann zufrieden, aber noch nicht am Ende seiner Überlegungen. Gebraucht wurden zwei Korrespondenten, die zueinander passten. Nach seiner Meinung sollte ein Journalist mit Moskauerfahrung die Studioleitung übernehmen, da sich die DDR im völligen Abhängigkeitsverhältnis zur Sowjetunion befand. So kam ich ins Spiel. Von Sell machte sich bei den anderen ARD-Intendanten für seine Idee stark und traf auf keinen Widerstand. Ein Korrespondent, dem in Moskau mehrere Überfall-Interviews mit dem allmächtigen Parteichef Breschnew gelungen waren und der gleichzeitig gute Kontakte zu Andersdenkenden unterhielt, müsste sich auch in einem kleineren Willkürstaat gut behaupten können, so das Kalkül der ARD-Oberen. Von all dem wusste ich nichts, als ich im April 1977 zum Gespräch mit der WDR-Führung nach Köln gerufen wurde.

Unser Intendant kam ohne Umschweife zur Sache. Er wisse, dass ich in der Sowjetunion für die ARD nach fünf Jahren unter miesesten Arbeitsbedingungen eine akzeptable Fernsehkorrespondenz aufgebaut hätte. Er verstünde, dass ich nun die Früchte meiner Bemühungen ernten wolle. Aber ewig könne ich nicht in Moskau bleiben. An der Kremlmauer wolle ich wohl nicht begraben werden. Von Sell sparte weder mit Sarkasmus noch mit Lob. Das Studio Moskau habe gegenüber den etablierten Plätzen im Westen stark aufgeholt. Ich sei nun reif für eine andere anspruchsvolle Aufgabe. Nach von Sells taktischer Einleitung war ich auf das Schlimmste gefasst. Und so kam es auch.

Die Leitung des ARD-Studios in der DDR sei eine der wichtigsten Aufgaben, die der WDR zu vergeben habe, erfuhr ich von unserem Intendanten. „Und eine höchst unsympathische“, ergänzte ich. „Wieso?“, fragte von Sell zurück. Ich erzählte ihm von einem Berlinbesuch im Herbst 1956 samt einem Abstecher auf eine Kirmes im Ostsektor, was damals noch problemlos möglich war. Obwohl noch im jugendlichen Alter, erfuhren mein Freund und ich viel unangenehme Aufmerksamkeit von Schnüfflern des Geheimdienstes. Sie umschwirrten uns wie Motten das Licht. Jahre später, berichtete ich von Sell, hatte sich das nicht geändert.

Als Fernsehkorrespondent in der Sowjetunion gönnte ich mir die Extravaganz, die Strecke Köln – Moskau im Auto quer durch Mittel- und Osteuropa zurückzulegen. Wenigstens zweimal im Jahr! Auf dem Hinweg nach Moskau voll beladen mit Defizitwaren wie Babynahrung, Windeln, Kosmetika, Waschmitteln, Kinderkleidung bis hin zu Blumenerde. Leer nach Köln zurück. Jeweils 2.125 Kilometer vom Kölner Dom bis zum Moskauer Kreml oder umgekehrt.

Die Straßenverhältnisse waren außerordentlich schlecht, Tankstellen auf sowjetischem Territorium Raritäten. Ohne Zusatzkanister ging es nicht. Im Winter konnte man auf den spiegelglatten Straßen in Russland leicht im Graben landen oder jäh von einer Schneewehe gestoppt werden. Im Sommer musste man im Dämmerlicht auf Personen achten, die den warmen Asphalt nach ein paar Gläschen Wodka zum Ausschlafen nutzten. Die Straßen in Polen waren etwas besser, aber alles andere als ideal. Die ganze Tour war eine anstrengende Sache. Heute bin ich für die Erfahrung dankbar. So weiß ich durch eigenes Erleben das Privileg zu schätzen, in einem längst vereinten Europa zu leben.

Die unangenehmste Passage war der Transit durch die DDR. Für uns im Westen prägten die Aufdringlichkeit und Allgegenwart des Staatssicherheitsdienstes im Laufe der Jahre den Charakter und das Wesen der DDR als heimtückischen Polizeistaat. Der Reisende, der sich auf das Territorium der Deutschen Demokratischen Republik traute, bekam gleich beim Eintritt eine Kostprobe staatlicher Wachsamkeit verpasst. Ich auch.

Wenn ich von Köln Richtung Moskau fuhr, war der Grenzübergang Helmstedt-Marienborn mein erster Stopp. Auf westdeutscher Seite ging es ganz fix, dann rollte ich durch einen links und rechts mit Betonwänden abgesicherten Straßenkanal auf die DDR-Grenzanlage Marienborn zu, wo alle Freundlichkeit aufhörte. Die Passkontrolle dauerte ewig. Mein Fall war ungewöhnlich. Ich wollte weder in die DDR fahren noch nach West-Berlin, sondern die DDR nur so schnell wie möglich bis zum Kontrollpunkt Frankfurt (Oder)-Slubice an der Grenze zur Volksrepublik Polen durchqueren.

Das Transitabkommen zwischen Bundesrepublik und DDR ersparte mir die Durchsuchung meines Autos. Dennoch wurde ich auf einen Zollparkplatz gelotst, auf dem ich samt Fahrzeug ungefragt mit harten ionisierten Gammastrahlen durchleuchtet wurde, um eine eventuell versteckte Person aufzuspüren. Da die Reisenden nicht wussten, was ihnen geschah, konnten sie sich nicht dagegen wehren. Wie tückisch das Verfahren für die Gesundheit sein konnte, kam erst nach dem Mauerfall heraus. Schäden habe ich offensichtlich nicht davongetragen.

Als ich endlich weiterfahren konnte, hatte ich Stunden in der Grenzübergangsstelle Marienborn verbracht. Doch die Stasileute ließen meinen bis unter die Decke beladenen Wagen auch nach der Abfertigung nicht aus den Augen. Im Rückspiegel stellte ich fest, dass mir die staatliche Begleitung bis an die Grenze zu Polen dicht auf den Fersen blieb.

Nicht nur diese Begebenheiten erzählte ich meinem Intendanten, sondern auch von meinem heiligen Zorn auf die Unverfrorenheit des SED-Regimes, unserem verehrten Bundeskanzler Willy Brandt den Spion Günter Guillaume in den Pelz zu setzen. Meine Argumentation lief darauf hinaus: In Sachen DDR sei ich befangen und deshalb zu sachlicher Berichterstattung nicht fähig.

Friedrich-Wilhelm von Sell, ein versierter Jurist, lächelte milde und sprach mich umgehend vom Selbstvorwurf der „Befangenheit“ frei. Er sicherte mir seine persönliche Fürsorge für meine Zeit als Leiter des ARD-Studios DDR zu. Er hat sich daran gehalten. Das Rennen war gelaufen. Damals war ich kreuzunglücklich. Heute bin ich froh, dass es so gekommen ist. Die DDR-Zeit hat mir geholfen, mich zu einem gesamtdeutschen Bürger zu entwickeln. Wenn ich heute nach Ostdeutschland reise, dann betrachten mich die Menschen dort, zumindest die älteren Semester, weiter als „ihren“ Korrespondenten, was ich – wie ich zugeben muss – sehr genieße.

Fritz Pleitgen
Fritz Pleitgen, prägte mehr als 30 Jahre lang die Nachrichten der ARD, von 1970 bis 1988 als Fernsehkorrespondent in Moskau, Ost-Berlin, Washington und New York, anschließend als Fernseh-Chefredakteur, Hörfunkdirektor und Intendant des WDR.