Dienstag, 20. April, 2021

Persönlichkeitswerdung: Oleg Senzow gibt Einblicke in seine Kindheit und Jugend

Von Peter Koepf

Seit bald fünf Jahren ist Oleg Senzow Gefangener des Landes, das seine Heimat annektiert hat, die Krim. Das Urteil gegen den Filmregisseur und Autor am 25. August 2015 lautete: 20 Jahre Straflager. Es erging, wie der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow im Vorwort von Senzows Buch „Leben“ schreibt, „vor allem dafür, „dass er, ein ethnischer Russe und Bewohner der Krim, es gewagt hatte, mit der Annexion seiner Heimat nicht einverstanden zu sein“.

Senzow, geboren 1976 in Simferopol, unterstützte den Euromaidan und organisierte auf der Krim Lebensmittel für ukrainische Einheiten. Der russische Geheimdienst FSB warf ihm terroristische Handlungen vor und verschleppte ihn nach Moskau. Er soll, so die spätere Anklage, Brandanschläge verübt haben und Mitglied der rechtsextremen Partei Rechter Sektor gewesen sein. Im Mai 2018 trat er in einen Hungerstreik, den er bis Oktober durchhielt. Das EU-Parlament verlieh ihm im selben Jahr den Sacharow-Preis für Menschenrechte, den seine Cousine für ihn entgegennahm.

Das Buch ist der autobiografische Bericht einer „Persönlichkeitswerdung“, so Kurkow. Es zeige, „wie er zu dem furchtlosen Menschen wurde, der er heute ist“. Senzow berichtet von einem Jungen, der immer sein wollte wie die anderen. „Aber es ist mir nie gelungen“, so Senzow. „Mein ganzes Leben bin ich schon für mich und stehe abseits.“
Senzow wurde an einem 13., einem Montag, geboren. „Vielleicht verläuft mein Leben deshalb so lustig“, schreibt er. Die Kindheit sei eine „lichte Zeit“ gewesen. In der Schule war er Klassenbester, er hatte ein gutes Gedächtnis und war wissbegierig. Die Schule wurde ihm jedoch bald zur „Hölle“, er sei zum „Paria“ geworden, bei Schülern, die ihn wie „den letzten Dreck“ behandelten, und Lehrern, denen er zu klug war und die ihn bei Widerworten auf den Gang stellten. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als „einzustecken und durchzuhalten“, schreibt Senzow. Vom Studium war er enttäuscht, aber all diese Jahre hätten ihn gelehrt: „nicht aufgeben und sich treu bleiben“. Doch nun fragte er sich selbst: „Ob ich deshalb so ein verschlossener Starrkopf geworden bin?“

Kurkow schreibt, er hoffe, dass es mit vereinten Kräften gelinge, Senzows „aus seinem fernen Gefängnis in der Polarzone herauszuholen“. Aber der Freund warnt vor der falschen Hoffnung, Senzow bald wieder in Freiheit sprechen zu können. Besser sei es, ihm zu schreiben, die Adresse seines Gefängnisses sei im Internet zu finden. Das Schreiben müsse aber in russischer Sprache erfolgen, das Gefängnis nehme nur solche Briefe an. Es genüge eine automatische Übersetzung. Die Qualität sei „nicht das Wichtigste. Auf Ihr Herz kommt es an!“

Peter Koepf
ist Chefredakteur dieser Zeitung.