Sonntag, 15. Dezember, 2019

‚Erstaunt von der Vielfalt Moskaus’: Interview mit Botschafter von Geyr

Von Viktor Loschak

Petersburger Dialog: Hatten Sie den Übergang zu einer diplomatischen Karriere und insbesondere die Ernennung zum Botschafter in Russland erwartet?

Géza Andreas von Geyr: Ich freue mich sehr über den Posten des Deutschen Botschafters in Russland – und ja, ich gehe auch mit einer Portion Respekt daran, denn „Moskau“ gehört ganz gewiss zu den bedeutendsten Aufgaben, die die deutsche Diplomatie zu vergeben hat. Als ich in der Diplomatenschule angefangen habe, konnte ich meinen Weg, so wie er sich dann ergeben hat, bestimmt nicht erwarten. Ich bin all denen dankbar, die mich auf ganz unterschiedlichen Posten klug und geduldig gefördert haben und auch für das Glück, das ich immer wieder hatte – ganz ohne geht es nicht.

Ist in der Tatsache, dass Deutschland den ehemaligen Abteilungsleiter für Politik im Bundesverteidigungsministerium als Botschafter nach Moskau schickt, ein bestimmtes Signal zu sehen?

Mein Rang im Verteidigungsressort war nicht ganz vergleichbar – aber zu Ihrer Frage: Zumindest schaden Erfahrungen in der Breite der Sicherheitspolitik dem Botschafter in Moskau angesichts der Weltlage ganz gewiss nicht.

Womit begann Ihre Erkundung Russlands? Was möchten Sie gerne sehen, wen möchten Sie in erster Linie kennenlernen?

Das Land ist groß und enorm vielfältig: seine Geschichte, seine Kultur, seine Natur. Es ist vom ersten Tag an faszinierend zu sehen, wie die Menschen damit umgehen, mit den Fragen der gesellschaftlichen Realitäten und mit den großen Zukunftsfragen. Letztere betreffen uns ja über die Grenzen hinweg in ähnlicher Weise. Ich habe mir vorgenommen, dies zu erfahren und zu verstehen, in Moskau und auf Reisen im Land, in gewichtigen Gesprächsrunden und in Begegnungen des täglichen Lebens.

Sie sind sicherlich mit der Thematik der Teilnahme Deutschlands an den vierseitigen Verhandlungen bezüglich der Ukraine im Normandie-Format vertraut. Wie schätzen Sie die gegenwärtige Situation ein? Welche nächsten Schritte sehen Sie?

Der Konflikt im Donbass ist im fünften Jahr und fordert immer noch täglich viele Opfer. Die leidgeprüfte Bevölkerung sehnt sich nach einem Ende dieser physischen und psychischen Lasten. Deutschland ist zusammen mit Frankreich nach Kräften bemüht, Wege zu einer Beruhigung und Lösung der Lage aufzuzeigen, vor allem im Format der N4, also mit Russland und der Ukraine.

Nach langer und frustrierender Stagnation hat sich gegenwärtig, nach den Wahlen in der Ukraine, ein Momentum aufgetan, eine Chance, die gemeinsam ergriffen werden sollte. Beide Seiten, Russland wie die Ukraine, versichern uns, eine Lösung auf Basis der Minsker Vereinbarungen zu wollen. Dies versuchen wir jetzt in sehr präzisen, detaillierten und ineinandergreifenden Arbeitsschritten voranzubringen, wie sie die Trilaterale Kontaktgruppe am 1. Oktober mit der Verschriftlichung der „Steinmeier-Formel“ beschlossen hat. Ein Gipfeltreffen sollte möglichst bald das Erreichte fixieren und Wegmarken und Ziele für weitere Schritte zur Umsetzung von Minsk vereinbaren.

Nach meiner Einschätzung kann dies gelingen, wenn alle den Fortschritt im Konkreten wollen und sich gegenseitig ein Minimum an politischem Vertrauen zu geben bereit sind. Eine gute Zukunft für die betroffenen Menschen verlangt die gleichzeitige und gemeinsame Investition von politischem Kapital aller Seiten.

Vor einigen Tagen haben Sie in Krasnosdar an einer Sitzung des Lenkungsausschusses des Gesprächsforums Petersburger Dialog teilgenommen. Wie beurteilen Sie die Situation in diesem größten gesellschaftlichen deutsch-russischen Forum? Was sollte, mit Ihrem frischen Blick betrachtet, dort geändert oder verbessert werden?

Ich habe mich sehr gefreut, dass ich als Gast an der erweiterten Vorstandssitzung teilnehmen durfte. Nach allem, was ich auch vom Treffen des Dialogplenums im vergangenen Sommer in Königswinter höre, ist die Stimmung wieder zuversichtlicher als in den vergangenen Jahren.

Ich kann dies nur begrüßen, denn im Miteinander der Zivilgesellschaften schlägt doch letztlich der Puls der Beziehungen zwischen unseren Ländern – und die ganz grundsätzliche Sympathie der Menschen in Deutschland und Russland füreinander, die ist doch enorm groß, ja oft geradezu bewegend. Darauf baut der „Petersburger Dialog“ ja, in seiner Beschaffenheit, mit seinen Projekten und auch mit Anpassungsfähigkeit. Es wird ja bereits überlegt, wie beispielsweise die jüngere Generation, die schließlich unsere Zukunft ist, sich noch stärker einbringen kann. Ich vermute, wir Älteren wären überrascht zu sehen, wie nahe sich junge Menschen in Deutschland und Russland heute sind, in ihren Vorlieben, ihren Zielen, in ihrer Lebensgestaltung, in ihren Sorgen und Sehnsüchten. Dies ist ein wichtiger Teil unserer zivilgesellschaftlichen Realität, Dialog kann unsere Erfahrungen und unser gegenseitiges Verständnis nur bereichern.

Hat Deutschland schon Pläne zur Beteiligung an den russischen Feierlichkeiten anlässlich des 75. Jahrestages des Endes des 2. Weltkriegs?

Der Jahrestag des Kriegsendes wird das Jahr 2020 in Russland prägen und wir sind uns der Würde des Gedenkens sehr bewusst. Wie genau Deutschland bei den Feierlichkeiten vertreten sein wird, kann ich im Moment noch nicht sagen. Auch bei uns in Deutschland wird 2020 vielerorts an die Opfer und das unermessliche Leid des Kriegs und des menschlichen Abgrunds der Shoa gedacht werden, dies mit der Bereitschaft zur historischen Verantwortung, tiefer Dankbarkeit für Aussöhnung und dem festen Willen zu einem friedlichen Europa.

Das Interview erscheint in der Ausgabe unserer Zeitung, die dem 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer gewidmet sein wird. Welche persönlichen Erinnerungen haben Sie an dieses Ereignis? Meinen Sie, eine imaginäre Mauer gibt es heute nicht mehr?

Wie bestimmt so gut wie jeder meiner Generation habe ich in den damaligen Tagen kaum glauben können, was in den Monaten und Wochen vor dem tatsächlichen Fall der Mauer europaweit geschah: Die gewaltsame Teilung meines Landes, meiner Hauptstadt, ja meines Kontinents schien unauflöslich, so widernatürlich sie auch war. Ich bewunderte die mutigen Menschen in Polen, Ungarn, in den Baltischen Staaten und an vielen anderen Orten, deren Klugheit, Beharrlichkeit und Unbeugsamkeit den Weg dazu bereitet haben. Zwar schien dies immer näher zu kommen, zugleich schien es aber unmöglich, dass es unblutig Realität würde. Den Moment der Freude, als sich die Menschen an der Mauer in den Armen lagen, habe ich in München erlebt, es war überwältigend, unvergesslich und prägend. Übrigens war auch damals allen klar, dass Deutschland diesen Glücksmoment seiner Geschichte dank unserer Nachbarn, Freunde und Verbündeten hat erleben dürfen – und auch dank der Sowjetunion, die darauf verzichtet hat, einzugreifen.

Die Mauer von damals ist weg, im Grunde auch die in den Köpfen, denn heute stellen sich Fragen der inneren Entwicklung Deutschlands doch ganz anders im Lichte neuer Umstände, beispielsweise der vielfältigen Effekte unserer globalisierten Wirtschaft.

Ihre Residenz in der ulitsa Povarskaya wird bekanntlich renoviert. Wo wohnen Sie jetzt in Moskau oder wo möchten Sie wohnen?

Die Deutsche Residenz, in der ich wohne, ist ein wunderschönes Gebäude, das demnächst saniert werden muss, damit es uns viele weitere Jahrzehnte erhalten bleiben kann. Wenn es soweit ist, werde ich in eine andere, zeitweilige Residenz in der Nähe ausweichen, die bestimmt ebenfalls eine Atmosphäre ausstrahlen wird, die den deutsch-russischen Begegnungen in Moskau gerecht wird. Meine Familie kommt mich hoffentlich oft besuchen – hier wie dort.

Was hat Sie besonders erstaunt, als Sie Ihre Arbeit in Russland aufgenommen haben, und was hat Sie am stärksten beeindruckt, erfreut oder vielleicht auch betrübt?

Ich bin an den Wochenenden viele Stunden zu Fuß durch die Stadt gegangen, durch viele ganz unterschiedliche Viertel. Moskau bietet eine faszinierende Vielfalt an Eindrücken!

Wenn Sie später einmal zurückblicken, was würden Sie als würdiges Ergebnis Ihrer Moskauer Mission bezeichnen?

Was ich gerne sehen würde, hängt weniger vom Erfolg eines Botschafters als von einem Ziel ab, das ich auch als Europäer mit einer guten Zukunft verbinde: dass die Umstände so werden, dass die deutsch-russischen Beziehungen ihr volles Potenzial entfalten können.

 

Die Fragen stellte Viktor Loschak.

Viktor Loschak
ist Chefredakteur der russischen Ausgabe des Petersburger Dialogs. Er beobachtete die Wahl in seiner Heimatstadt Odessa.

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