Freitag, 17. September, 2021

Stalins Clausewitzsche Strategie

Von Claudia Weber

Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs: Überlegungen zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion.

In den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941 überfiel Hitlers Wehrmacht die Sowjetunion. Eine dreieinhalb Millionen Mann starke Streitmacht marschierte, aufgeteilt in die drei Heeresgruppen Nord, Mitte und Süd, auf einer Frontlinie von mehr als 2000 Kilometern ein.

Während Bomber der Luftwaffe Hermann Görings die ersten Angriffe auf Kiew, Odessa und Sewastopol flogen, eilte in der Berliner Wilhelmstraße Wladimir Dekanosow, Stalins Botschafter und der frühere Chef der Auslandsspionageabwehr, mit versteinerter Miene in das Arbeitszimmer von Außenminister Joachim von Ribbentrop. Zweiundzwanzig Monate zuvor hatte von Ribbentrop im Moskauer Kreml – beseelt vom diplomatischen Coup des Hitler-Stalin-Pakts – noch die deutsch-russische Freundschaft beschworen. Nun informierte er Dekanasow knapp, dass „die Sowjetregierung die Verträge und Vereinbarungen mit Deutschland verraten und gebrochen“ habe und „Deutschland nicht gewillt [ist], dieser ernsten Bedrohung seiner Ostgrenze tatenlos zuzusehen“. Hitler, beschied Ribbentrop, „hat daher nunmehr der deutschen Wehrmacht den Befehl erteilt, dieser Bedrohung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln entgegenzutreten“.

Hitlers Befehl, den lange geplanten und mehrfach verschobenen Fall „Barbarossa“ – so der Deckname für den Feldzug gegen die Sowjetunion – am 22. Juni 1941 in die Tat zu setzen, war in mehrfacher Hinsicht ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Unter der fadenscheinigen Behauptung einer sowjetischen Bedrohung, die Stalin in den vorausgegangenen Wochen unbedingt vermieden hatte, begann das „Dritte Reich“ einen grausamen, tatsächlich apokalyptischen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, die Rote Armee, gegen die Zivilbevölkerung, angebliche und wirkliche Widerstandskämpfer, kurzum, gegen all jene, die der vermeintlich unbesiegbaren Wehrmacht und der perfiden völkisch-rassischen Kriegslogik im Wege standen.

Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion kostete Millionen Menschen das Leben, brachte unvorstellbares, bis in die Gegenwart hineinwirkendes Leid und führte in den Holocaust: die Vernichtung der europäischen Juden in den *Bloodlands* (Timothy Snyder) Osteuropas. Innerhalb weniger Wochen drangen die Wehrmachttruppen und in ihrem Gefolge die mörderischen SS-Einsatzgruppen Heinrich Himmlers weit auf das sowjetische Territorium vor, bis sie – militärisch bereits jedweder Blitzkriegsillusionen beraubt – im Herbst vor Moskau zum Stehen kamen. Das „Unternehmen Barbarossa“ endete unter anderem an der legendären Wolokolamsker Chaussee, die der russische Schriftsteller Alexander Bek in seinem gleichnamigen Roman zum Sinnbild für den heroischen Kampfesmut der Roten Armee nahm, ohne die Härten dieses brutalen Überlebens an der Front auszusparen. (Mitte der 1980er-Jahre legte der ostdeutsche Dramatiker Heiner Müller eine meisterhafte Adaption des Romans in fünf Lehrstücken vor.)

Am 22. Juni 1941 begann der Große Vaterländische Krieg – der siegreiche Verteidigungskampf der Sowjetunion gegen die nationalsozialistischen Aggressoren. Als Wendepunkt des Krieges markiert das Datum gleichzeitig das Ende der ersten Weltkriegsphase, die in Europa seit September 1939 vom Bündnis und (noch) nicht von der Gegnerschaft zwischen Hitlers Reich und Stalins Sowjetunion geprägt war. In den knapp zwei Jahren des Hitler-Stalin-Pakts wurde Polen geteilt und zu einem ersten Laboratorium des deutschen Vernichtungskrieges, geriet Westeuropa unter die deutsche Besatzung, so wie das Baltikum, die Westukraine, Westweißrussland, Bessarabien und die Nordbukowina in den Machtbereich Stalins. Der allmähliche Niedergang des verheerenden Pakts hatte bereits im Juni 1940 eingesetzt, als Moskau nach den überraschenden „Blitzkriegen“ Hitlers erklärte, nun „selbst im Baltikum zur Tat zu schreiten“.

In Südosteuropa und in Finnland schließlich karambolierten die geopolitischen Konkurrenzen, sodass auch letzte Verständigungsversuche während der Berlinvisite von Wjatscheslaw Molotow im November 1940 zum Scheitern verurteilt waren. Denn noch bevor Stalins Außenkommissar die deutsche Hauptstadt überhaupt erreichte, hatte Hitlers Führerweisung Nummer 18 am 12. November bereits klargestellt, dass „gleichgültig, welches Ergebnis diese Besprechungen haben werden, alle schon befohlenen Vorbereitungen für den Osten fortzuführen [sind]. Weisungen darüber werden folgen, sobald die Grundzüge des Operationsplanes des Heeres mir vorgetragen und von mir gebilligt sind.“

Der Überfall der Wehrmacht veränderte die politischen Konstellationen und Bündnissysteme des Krieges auf entscheidende Art und Weise. Er führte mit der Anti-Hitler-Allianz zum Zusammenschluss von Großbritannien und der Sowjetunion; eine Koalition, die seit dem Machtantritt der Bolschewiki im Jahr 1917 außerhalb jeglicher Vorstellungskraft war. Die zentrale europäische Triade zwischen Großbritannien, Deutschland und der Sowjetunion, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entweder zu einer deutsch-sowjetischen (Rapallo) oder einer deutsch-britischen (Flottenvertrag und Appeasement) Verständigung geführt hatte, nahm im Juni 1941 eine fast unerhörte Wendung. Auch hierfür waren die Zeichen lange erkennbar gewesen. Schon im Juli 1940 hatte Premier Winston Churchill – mit großem Gespür für die Risse im Pakt – mit Stafford Cripps einen moskaufreundlichen neuen Botschafter zu Stalin entsandt, der erste Sondierungsgespräche führte. Unmittelbar nach dem Einmarsch der Deutschen hielt Churchill dann jene legendäre „Lesser of the two evils“-Rede, mit der er vor der britischen Bevölkerung das Bündnis mit dem Sowjetkommunismus rechtfertigte. „Das Naziregime“, so Churchills vielzitierte Worte, „lässt sich von den schlimmsten Erscheinungen des Kommunismus nicht unterscheiden. Es ist bar jedes Zieles und jedes Grundsatzes, es sei denn Gier und Rassenherrschaft. Es übertrifft jede Form menschlicher Verworfenheit an Grausamkeit und wilder Angriffslust. Niemand war ein folgerichtigerer Gegner des Kommunismus als ich in den letzten fünfundzwanzig Jahren. Ich nehme kein Wort von dem zurück, was ich darüber gesagt habe. Aber dies alles verblasst vor dem Schauspiel, das sich nun abspielt. Die Vergangenheit mit ihren Verbrechen, ihren Narrheiten und ihren Tragödien verschwindet im Nu.“

Vor dem Hintergrund der britisch-sowjetischen Annäherung in einer Zeit, in der Hitler gegen London einen verlorenen Luftkrieg führte, war die Entscheidung zum Krieg gegen die Sowjetunion fatal. Dass die Stimmen, die vor diesem Zwei-Fronten-Krieg und dem unkalkulierbaren Abenteuer eines Russlandfeldzugs warnten, zahlreich waren, ist bekannt. Umso mehr ist der 22. Juni 1941 auch das Symbol für den schier unglaublichen militärischen Größenwahn und die eklatanten politischen Fehleinschätzungen zugunsten des ideologischen Furors. Hitler wollte diesen Krieg: die Vernichtung des „jüdischen Bolschewismus“ und die gewaltsame, unbedingte Verwirklichung aller rassistischen Lebensraumkonzepte des deutschen Nationalsozialismus. Der 22. Juni 1941 war Hybris und Nemesis des „Dritten Reiches“. Der Höhepunkt der militärischen, politischen und ideologischen Selbstüberschätzung ebenso wie die ideologisch, kulturell und rassisch begründete arrogante Herabwürdigung der sowjetischen Bevölkerung, die sich hinter dem Diktator Stalin, dessen Großer Terror erst abgeklungen war, zu versammeln wusste.

Tatsächlich war die Sowjetunion zu Beginn des Großen Vaterländischen Krieges militärisch schwach. Stalin hatte die Defizite der Roten Armee noch Anfang Mai bei einem seiner raren Auftritte vor Absolventen der Militärakademien, etwa der Frunse-Akademie in Moskau, persönlich beklagt. Dass neben der schleppenden technischen Modernisierung und einem von Stalin harsch kritisierten Reformunwillen auch die Tatsache, dass fähige Heerführer wie Marschall Tuchatschewski dem Großen Terror zum Opfer gefallen waren, für die mangelhafte Kriegsvorbereitung verantwortlich waren, war ein offenes Geheimnis. Die verhängnisvollen Säuberungsaktionen nährten selbst in britischen Regierungskreisen und bei Churchill die Befürchtung, dass auch dieser Feldzug für die Deutschen siegreich ausgehen könnte. Dennoch war London mit der Wendung des Krieges zufrieden und hoffte darauf, dass sich Deutschland und die Sowjetunion für lange Zeit ineinander verkämpften. Mit einem schnellen Sieg der Roten Armee rechnete niemand, auch nicht Stalin, der es jedoch verstand, die eigene Schwäche und die Hybris der Nationalsozialisten für sich nutzend, in Stärke zu verwandeln.

Die Erzählung, dass Stalin vom 22. Juni und dem schnellen Vormarsch der Deutschen überrascht war, mehr noch, dass er alle Warnungen, unabhängig davon, ob sie von eigenen Agenten oder aus dem Umfeld der britischen Regierung stammten, ignorierte, ist weit verbreitet, bis heute populär und wird im Zuge des 80. Jahrestages wieder diskutiert werden. Dabei ist es an der Zeit, das Narrativ mindestens einer kritischen Überprüfung zu unterziehen, wenn nicht gleich auf den Kopf zu stellen. Stalin war weder überrascht – Hitlers Befehle waren über die Geheimdienste verlässlich nach Moskau gelangt – noch ignorierte er die Meldungen zum bevorstehenden Angriff. Dass der „Verrat“, mithin der Bruch des Pakts, nur eine Frage des Datums war, gehörte zu alten politischen Wahrheiten, die auch Stalin verinnerlicht hatte. Seit Monaten bereitete er sich auf den bevorstehenden Überfall vor. Seine Anweisung, alle Provokationen an der deutsch-sowjetischen Grenze zu unterlassen, ebenso wie der Verzicht auf große Truppenkonzentrationen – entgegen den Plänen von Generälen wie Schukow – waren nicht naiv oder rätselhaft, sondern überlegt. Dass sich Hitler und Ribbentrop bei der fadenscheinigen Kriegsbegründung auf eine herbeigeredete Bedrohung beziehen würden, war zu erwarten und somit unerheblich. Stalin vermied dieses Bedrohungsszenario bewusst und im Unterschied zu den Plänen von Generälen wie Schukow, um klar in der vorteilhaften Position des Verteidigers zu bleiben.

In diesem Sinne handelte er geradezu wie der gelehrige Schüler der Kriegstheorie von Clausewitz, der zufolge Verteidigung die überlegene Kampfform darstellt. Schon 1939 hatte er sich mit dem Einmarsch in Polen zwei Wochen Zeit gelassen, um nicht mit der Aggression Hitlers in Verbindung gebracht zu werden, den Vormarsch der Wehrmacht und die Reaktion der Westmächte abzuwarten. Im Juni 1941 war die Position des Verteidigers symbolisch, politisch und militärisch wichtiger denn je. Den Angriff in Kauf zu nehmen, sparte die raren Ressourcen der Roten Armee. Stalin überließ es Hitler, einen ressourcen- und kräftezehrenden Angriffskrieg zu führen, dessen Verluste sich schon im August bemerkbar machten, wie Jonathan Dimbleby jüngst in seiner Studie „Barbarossa. How Hitler Lost the War“ zeigte.

Darüber hinaus begann der Krieg in einer für Stalin problematischen Grenzregion, die erst im Zuge des Pakts 1939/1940 mit Gewalt sowjetisiert worden war. Die Bevölkerung der westukrainischen und westweißrussischen Gebiete hatte den „Organen“ des NKWD seitdem immer wieder große Schwierigkeiten bereitet. Die Flüchtlingsströme waren ebenso schwer unter Kontrolle zu bekommen wie die antikommunistischen und nationalen Widerstandbewegungen, beispielsweise der Ukrainer. Abermals in einer Parallele zu 1939, als Stalin entgegen ersten Verabredungen die zentralpolnischen Gebiete dem „Dritten Reich“ überantwortete, überließ er den deutschen Truppen im Juni 1941 Zentren des Widerstandes, deren Antibolschewismus das „Dritte Reich“ nicht zur Herrschaftssicherung zu nutzen wusste. Im Gegenteil veränderte der rassenideologische Terror der deutschen Besatzungsherrschaft, der die Hoffnungen ukrainischer Nationalisten schnell enttäuschte, wichtige Loyalitäten: nicht für Hitler, sondern zugunsten Stalins.

Es gab im Juni 1941 gute Gründe, auf die zahlreichen Warnungen vor „Barbarossa“ nicht mit einem vorschnellen Angriff zu reagieren. Die Vorstellung, dass die Rote Armee in das Generalgouvernement – das deutsche Besatzungsgebiet in Zentralpolen – einmarschiert wäre, um so den Hitler-Stalin-Pakt zu brechen und das „Dritte Reich“ anzugreifen, ist so abwegig wie die vor einiger Zeit diskutierte Präventivkriegsthese. Stattdessen kann entgegen geläufiger Sichtweisen argumentiert werden, dass Stalin zwar mit einer hochriskanten Option, doch kalkuliert, rational und nachvollziehbar reagierte. Dass er den Angriff der Deutschen mit einigen Konzessionen, etwa der Beschleunigung von Warenlieferungen in das „Dritte Reich“, so lange wie möglich hinauszögern wollte, steht diesem Argument nicht entgegen. Zeit zu gewinnen war die oberste Maxime. Denn letztendlich wollten weder Stalin noch die Sowjetunion den Krieg. Hitler hatte ihn mit „Barbarossa“ schon verloren.

Claudia Weber
Prof. Dr. Claudia Weber lehrt Europäische Zeitgeschichte an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). 2019 erschien „Der Pakt. Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz“ bei C.H.Beck.

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