Donnerstag, 21. Oktober, 2021

Ohne 1937 kein 1941

Von Leonid Mletschin

Was Hitler vor dem Angriff über die UdSSR dachte und welche katastrophalen Fehler er beging

Zum Sommer 1941 hatte Nazi-Deutschland keinen gefährlichen Gegner mehr in Europa. Die Briten verteidigten sich zwar tapfer auf ihrer Insel, aber sie hatten keine Bodentruppen, die der Wehrmacht hätten Paroli bieten können.

Deutschland hatte bereits halb Europa besetzt. Der Rest des Kontinents befand sich in einem Zustand der Angst und war bereit, alle Forderungen Berlins zu erfüllen. Nichts hinderte Hitler daran, in Schweden und der Schweiz einzumarschieren, ganz Europa dem Dritten Reich einzuverleiben.

Die Nazis hätten pompöse Städte errichtet, Autobahnen gebaut. Es wäre eine ganze auf Verbrechen gründende Zivilisation entstanden. Oben ein arrogantes Imperium, unten Konzentrationslager, die Hölle auf Erden. Und wer hätte die Nazis gestoppt und Europa gerettet?

Wäre Hitler zu rationalem Denken fähig gewesen, hätte er sich nicht für einen Krieg gegen die Sowjetunion entschieden, einen Krieg, den Deutschland unter keinen Umständen gewinnen konnte. Warum also befahl er der Wehrmacht, am 22. Juni 1941 die deutsch-sowjetische Grenze zu überschreiten?

„Beim Mittagessen mit dem Führer“, so hielt Alfred Rosenberg in seinem Tagebuch fest, „wurde unter Gelächter die Übersetzung des russischen Buches ‚Genosse, schlaf bald‘ (eine Sammlung russischer Satire) besprochen. Hitler saß die halbe Nacht über dem Buch und betrachtete die Bilder, die „mit Humor“ das in der Sowjetunion herrschende Elend beschrieben. Der Band wurde sofort an alle verteilt, die ihn noch nicht gelesen hatten.“

Der gescheiterte Architekt Alfred Rosenberg war Hitlers Chefexperte für sowjetische Angelegenheiten. Rosenberg wurde in Reval (wie Tallinn bis 1917 hieß) geboren. Noch vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges schrieb er sich an der Technischen Hochschule in Riga ein. 1915 wurde die Schule nach Moskau evakuiert, wo Rosenberg die Oktoberrevolution erlebte. Er kehrte später nach Reval zurück und zog im November 1918 nach München, wo er Hitler traf.

Rosenberg veröffentlichte ein 700-seitiges antikommunistisches und antisemitisches Buch mit dem Titel „Der Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts“. Es sollte zur Bibel der Partei werden, erwies sich aber als unverdaulich. Rosenberg war ein ehrgeiziger, aber untalentierter Mann. Der gestelzte Stil des Buches verärgerte Hitler, was ihn jedoch nicht daran hinderte, Rosenberg zum Chefredakteur der Parteizeitung *Völkischer Beobachter* zu machen. Hitler ernannte Rosenberg auch zum „Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP“.

Hitler und seine Gefolgschaft verachteten die Slawen als unterentwickelte Barbaren. Die Massenrepressalien gegen die Kommandeure der Roten Armee und der Finnlandfeldzug brachten Hitler zu der Überzeugung, dass die sowjetischen Streitkräfte geschwächt seien. Der deutsche Militärattaché in Moskau, General Ernst Köstring, berichtete dem stellvertretenden Generalstabschef für Nachrichtenwesen, General Kurt von Tippelskirch, nach Berlin, der Mangel an erfahrenen und ausgebildeten Kommandeuren als Folge der Repressalien in der Roten Armee beeinträchtige offenkundig die Ausbildung der Truppen. Was die sowjetische Rüstungswirtschaft beträfe, seien alle Anzeichen einer Stagnation zu erkennen. General Köstring schrieb, dass die Rote Armee aufgehört habe, eine bedeutende Kraft zu sein.

Als Frankreich kapitulierte und das Schicksal Englands an einem seidenen Faden hing, schrieb Rosenberg zufrieden in sein Tagebuch: „Der Führer glaubt, dass die schnelle Niederlage Frankreichs Stalin in Schrecken versetzt hat … In der Reichskanzlei brachte der Führer das Gespräch auf die russischen Offiziere. Ein russischer General, der nach Deutschland geschickt würde, könnte bei uns bestenfalls eine Batterie befehligen. Stalin hat alle Kommandeure vernichtet.“

In Berlin wurden die Misserfolge der Roten Armee im Krieg mit dem kleinen Finnland im Winter 1940 mit Freude zur Kenntnis genommen, die deutschen Offiziere kamen zu dem Schluss, dass „Russland nicht mehr als Militärmacht erster Klasse angesehen werden kann“.

Hitler sprach verächtlich über sowjetische Wehrtechnik: Das Material, die Ausrüstung sei veraltet, und die Armee habe keine geistigen Zielstellungen. Der Befehlshaber des Sieges, Marschall Alexander Michailowitsch Wassilewski, der sowohl Generalstabschef als auch Minister der Streitkräfte der UdSSR war, war folgender Ansicht: „Es heißt, dass es ohne 1937 nicht die Niederlagen von 1941 gegeben hätte. Ich würde sagen, ohne 1937 hätte es vielleicht gar kein 1941 gegeben. Eine große Rolle bei der Entscheidung Hitlers, 1941 in den Krieg zu ziehen, spielte seine Einschätzung des Ausmaßes der Vernichtung militärischer Führungskräfte, die bei uns stattfand.“

In Wirklichkeit waren das wirtschaftliche, militärische und demografische Potential der Sowjetunion und Deutschlands nicht vergleichbar. Doch der deutsche Geheimdienst war nicht in der Lage, genauere Informationen über den Zustand der Roten Armee und das Potenzial des sowjetischen militärisch-industriellen Komplexes zu beschaffen. Unter den deutschen Offizieren verbreiteten sich antirussische Vorurteile. Deutsche Spione berichteten der Führung des Dritten Reiches und dem Wehrmachtskommando von der „Minderwertigkeit der Russen“.

Die Ausforschung der Roten Armee wurde von der 12. Abteilung des Generalstabs des Heeres „Fremde Heere Ost“ koordiniert. Der Leiter der Abteilung, Oberstleutnant Eberhard Kintzel, war noch nie in Russland gewesen und konnte kein Russisch. Er war faul und inkompetent. Er hatte eine abschätzige Meinung von der Roten Armee. Er schrieb von „mongolischen“ und „tatarischen“ Gesichtern.

Deutsche Geheimdienstler, die in Moskau unter diplomatischer Tarnung arbeiteten, wurden von der Spionageabwehr überwacht, was Anwerbungen unmöglich machte. Man bat litauische, rumänische, bulgarische und japanische Geheimdienste um Unterstützung. Das ergab ebenso nichts. Auch deutsche Industrielle, die geschäftlich in die UdSSR reisten, wurden befragt. Aber sie konnten dem militärischen Geheimdienst nur wenig helfen. Als nützlicher erwiesen sich die Gespräche mit den deutschen Seeleuten, die in die sowjetischen Häfen einliefen. Sie hatten einiges gesehen und Fotos gemacht. Ein Deutscher fuhr mit der Bahn von Wladiwostok nach Moskau. Seine Geschichte wurde benutzt, um die Geschwindigkeit abzuschätzen, mit der Verstärkungen aus dem Fernen Osten verlegt werden könnten.

Die deutschen Dechiffrierer konnten die Codes der Roten Armee nicht entschlüsseln. Es gab ein großes Luftaufklärungsprogramm – Flugzeuge der Luftwaffe flogen ständig über sowjetischem Gebiet. Es konnten jedoch keine wichtigen Informationen gesammelt werden.

Hitler war der Meinung, dass eine Aufklärung einfach nicht nötig sei. Er erreichte auch so alles, was er wollte, mit Hilfe der Wehrmacht, die einen Sieg nach dem anderen errang. Einmal im Jahr veranstaltete Hitler ein Mittagessen für seine Militärattachés. Der Attaché in Moskau, General Ernst Köstring, erinnerte sich, dass der Führer keine Fragen über die Rote Armee stellte. „Wenn an den Kriegsgerüchten ein Körnchen Wahrheit ist“, sagte Gustav Hilger, Botschaftsrat an der deutschen Botschaft in der UdSSR, zu Oberst Hans Krebs, „dann ist es Ihre Pflicht, Hitler zu erklären, dass ein Krieg gegen die Sowjetunion zum Zusammenbruch Deutschlands führen wird. Sie wissen um die Schlagkraft der Roten Armee, die Tapferkeit des russischen Volkes, die grenzenlosen Weiten des Landes und die unerschöpflichen Reserven“. „Ich verstehe das alles sehr gut“, antwortete Oberst Krebs, „aber Hitler hört nicht mehr auf uns, die Offiziere des Generalstabs, nachdem wir ihm vom Feldzug gegen Frankreich abgeraten und die Maginot-Linie als unüberwindbar bezeichnet haben. Er siegte gegen alle Widerstände, und wir mussten den Mund halten, um nicht den Kopf zu verlieren.“

Stalin war sich sicher, dass Hitler nicht an zwei Fronten kämpfen würde – solange England nicht erobert war, würde er die Wehrmacht nicht nach Osten schicken. Und die Konzentration deutscher Divisionen an der sowjetischen Grenze galt lediglich als ein Mittel, um politischen Druck auf Moskau aufzubauen.

Stalin, das muss man verstehen, war bis zur letzten Minute davon überzeugt, dass Hitler bluffte, und versuchte, ihn zu bestimmten Zugeständnissen zu bewegen. Stalin dachte logisch – ja, Hitler hatte nicht die Absicht, einen langen Krieg zu führen. Er wollte einen Blitzschlag führen und die Sowjetunion in wenigen Monaten besiegen. Hitler versprach seinen Soldaten voller Zuversicht, dass sie Ende August nach Hause zurückkehren würden. Stalin dachte, Hitler sei genauso kalt und berechnend wie er selbst. Aber Hitler, Abenteurer und Wahnsinniger, glaubte, dass sein Wille jedes Hindernis überwinden könne. Zu Generalfeldmarschall Fedor von Bock, der mit der Einnahme der Hauptstadt der Sowjetunion beauftragt war, sagte der Führer selbstbewusst: „Wenn wir die Ukraine, Moskau und Leningrad erobert haben, müssen die Sowjets klein beigeben.“ Am 2. April 1941 notierte Alfred Rosenberg in seinem Tagebuch: „Der Führer fragte mich, wie sich die soldatische und menschliche Psyche der Russen unter schwierigen Bedingungen zeige und wie groß gegenwärtig der Anteil der jüdischen Bevölkerung in der UdSSR sei. Ich äußerte meine Überlegungen und Informationen zu den neuesten Trends.“ Am 17. Juli wurde das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete gegründet. Hitler ernannte Rosenberg als einen Mann, „der die russischen Verhältnisse kennt“, zum Minister. Die Hauptaufgabe, so erklärte Rosenberg seinen Mitarbeitern, sei antirussische Propaganda.

Die deutsche Presse veröffentlichte eine Reihe von Artikeln, in denen es hieß, dass in Russland das menschliche Leben nie geschätzt worden sei und dass die Russen in ihrer Entwicklung hinter jeder anderen Nation zurückgeblieben seien. Der russische Soldat wurde als Tier dargestellt – ohne Gefühle und ohne Intelligenz. Und natürlich wurde erklärt, dass der deutsche Angriff auf Russland eine präventive Maßnahme, Selbstverteidigung sei.

Der Freudentaumel über die eigenen Erfolge im Westen spielte der Wehrmachtsführung jedoch einen üblen Streich. Das „Unternehmen Barbarossa“, der Operationsplan gegen die Sowjetunion, setzte auf Geschwindigkeit, Motoren, die Konzentration der Kräfte auf die Hauptrichtungen, die erste entscheidende Schlacht – der Gedanke dahinter: Ein Schlag, und die Rote Armee kapituliert.

Nach dem Ausbruch des Krieges begann sich die Stimmung schnell zu ändern.

Am 20. Juli schrieb Rosenberg in sein Tagebuch: „Bei einem Waldspaziergang erzählte mir der Führer, dass die Sowjets, wie sich herausstellte, viel mehr Panzer hatten, als wir angenommen hatten, und dass sie auch deutlich besser wären, als gedacht.“ Eineinhalb Monate später ein neuer Eintrag: „Der hartnäckige Widerstand der Sowjetunion ist das Thema aller Gespräche. Wir waren davon ausgegangen, dass auf den Widerstand Panik folgen würde. Doch es kam anders. Die Sowjetrussen kämpfen erbittert, hartnäckig, hinterlistig und unglaublich brutal.“

Es lief alles nicht so, wie man In Berlin angenommen hatte. Am 11. August schrieb der Chef des Generalstabs des Heeres, General Franz Halder, in sein Tagebuch: „Russland wird von uns unterschätzt. Zu Beginn des Krieges hatten wir etwa 200 Divisionen des Feindes gegen uns. Jetzt zählen wir schon 360 Divisionen.“ In Berlin ging man davon aus, dass die Rote Armee den Widerstand einstellen würde, nachdem die deutschen Truppen die Linie Archangelsk – Moskau – Stalingrad – Astrachan erreicht hatten. Auch Karten wurden an die deutschen Stabsoffiziere nur bis zu dieser Linie ausgegeben.

Am 23. November notierte General Halder: „Der Feind ist noch nicht vernichtet. Wir können ihn in diesem Jahr nicht endgültig besiegen, ungeachtet der nicht geringen Erfolge unserer Truppen. Die kolossalen territorialen Ausmaße und die unerschöpflichen menschlichen Ressourcen dieses Landes erlauben es uns nicht, eine vollständige Niederlage des Feindes zu garantieren.“

Die Wehrmachtsführung hatte das Potenzial der Sowjetunion und die Kampfbereitschaft der Bevölkerung unterschätzt. Die Rote Armee würde Berlin erreichen, und Berlin, nicht Moskau, würde in Trümmern liegen.

Leonid Mletschin
ist ein vielfach ausgezeichneter russischer Print- und Fernsehjournalist sowie Autor zahlreicher Bücher, darunter zeithistorische Werke und eine Breschnew-Biografie. Er lebt in Moskau.

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