Sonntag, 15. Dezember, 2019

Die Heimat, die Schöne: Ein Film über Russland zeigt das größte Land der Erde in atemberaubenden Luftaufnahmen – ganz ohne Politik

Von Daria Boll-Palievskaya

Millionen Zuschauer haben in Deutschland die Dokuserie „Russland von oben“ gesehen. In Russland ist die 90-minütige Fassung im April als Eröffnungsfilm des Moskauer Internationalen Dokumentarfilm-Festivals DOKer gelaufen.

Neun Monate Vorbereitungszeit, neun Monate Dreharbeiten, 600 Stunden Filmmaterial, tausende Kilometer Hubschrauberflüge – daraus entstanden ist eine „optische Poesie vom Feinsten“, „ein Kunststück“, „ein ambitioniertes Werk“, ein „einzigartiges Projekt“ – deutsche und russische Kritiker überboten sich gegenseitig mit Superlativen. Zu Recht, denn der Dokumentarfilm von Petra Höfer und Freddie Röckenhaus „Russland von oben“ ist ein grandioses Projekt; es zeigt das größte Land der Erde aus der Luft, ohne dabei die Menschen aus den Augen zu verlieren. Sotschi am Schwarzen Meer und sibirische Wälder, Eiswüsten des Nordens und Kaukasische Berge, die Metropolen Moskau und St. Petersburg und die endlose Taiga – den Autoren ist es gelungen, das facettenreiche Russland in seinem ganzen Naturreichtum aus einer atemberaubenden Perspektive zu zeigen. „Und beim Anblick dieser Schönheit fällt mir alles wieder ein: Sind wir nicht eigentlich am Leben um zu lieben, um zu sein?“ heißt es einem Lied des deutschen Rappers Sido. Diese Worte schienen auch das Motto der Dokumentation zu sein.

Petersburger Dialog: Wie kam uberhaupt die Idee zu diesem Projekt? Hatten Sie davor eine Verbindung nach Russland?
Freddie Rockenhaus: Für den Zweiteiler „Zugvögel“ haben wir schon in Russland gedreht, hauptsächlich am Ladogasee und auf der Insel Kolguev in der Barentssee. Und damals kam die Idee, Russland von oben zu zeigen. Denn in Deutschland gibt es zwar viele Filme über Russland, und man konnte schon den Russen dabei zusehen, wie sie Borschtsch kochen, aber man hat noch nie das größte Land der Erde aus der Vogelperspektive gezeigt.

Trotz aller Begeisterung konnte man in der deutschen Presse den Vorwurf lesen, Ihr Film „enthalt sich aller Kommentare zur Politik“ und es wird immer angemerkt, dass Sie mit Gazprom zusammengearbeitet haben.
Wir haben den Kontakt zu Gazprom hergestellt, haben ihnen unsere Doku „Deutschland von oben“ gezeigt und gesagt, so einen Film wollen wir über Russland drehen. Sie haben ziemlich schnell reagiert: „Toll! Machen wir!“ Und so ist diese ungewöhnliche Kooperation zwischen ZDF, ARTE und Gazprom Media entstanden. Wie kritisch man auch sein mag, man kann in unserem Film keine politische Einflussnahme sehen, weil es keine gab. Wir haben einen naturwissenschaftlichen und naturhistorischen Film gedreht. Nicht jedes Programm, das sich mit Russland beschäftigt, muss sich mit der aktuellen politischen Lage befassen.
Wenn die BBC eine Dokumentation über die Tierwelt in Tansania oder Uganda dreht, dann gehen sie auch nicht auf die Politik ein. Es muss doch möglich sein, eine Doku über die Natur Russlands zu machen, ohne dabei über Wladimir Putin zu reden. Leider ist es so eine Art Reflex bei den deutschen Journalisten geworden: Wenn man über Russland etwas macht, muss das automatisch politisch und möglichst auch kritisch sein.

Sie waren fast neun Monate in Russland unterwegs. Sind Sie jetzt ein Russlandversteher?
Angeblich gibt es ja zwischen den Deutschen und den Russen große Mentalitätsunterschiede, aber meine Beobachtung war, dass wir uns sehr ähnlich sind. Die Russen sind auf eine angenehme Art und Weise sehr speziell, aber auf der anderen Seite genauso wie wir. Und ich denke, dass die Landschaften die Menschen sehr prägen. Das ist in Deutschland auch nicht anders: Menschen an den Küsten sind anders als Menschen in den Bergen. Eine russische Zuschauerin sagte nach der Premiere, sie habe gespürt, dass die Filmemacher ein Riesenrespekt vor den Bewohnern Russlands haben. Und das stimmt. In einem Ort etwa wie Tiksi an der Nordpolarmeerküste in Jakutien mittendrin im Nirgendwo machen die Menschen einfach das Beste aus ihrem Leben und haben Lebensfreude. Da kann man nur Respekt haben.

Sie haben wirklich das ganze Land gesehen. Haben Sie einen Lieblingsort in Russland?
Ich finde das Wolgadelta unheimlich schön. Kamtschatka ist faszinierend. Und von den Städten: Es ist sehr einfach, die alten Zentren von Moskau und St. Petersburg zu bewundern, aber Kasan gefällt uns besonders. Wir hatten in unserem Team eine australische Kollegin, die meinte, Moskau sei die schönste Stadt der Welt. Während der Arbeit an der Dokumentation ist Ihre Ehefrau und Koautorin Petra Hofer uberraschend gestorben. Das ist passiert kurz bevor wir nach Kamtschatka aufbrechen wollten. Sie konnte es kaum abwarten, hinzufliegen und freute sich auf die Landschaften, auf die Bären… Ein Wunder, dass wir den Film doch zu Ende gemacht haben. Er ist Petra gewidmet. Mit ihr wäre aber das ganze Projekt noch schöner geworden. Ich spüre, dass für mich eine große Melancholie über dem Film liegt.

Wie kam Ihr Film in Russland an?
Wir haben bisher nur positive Reaktionen bekommen. Die Vize-Vorsitzende der Duma Olga Epifanowa meinte, unsere Dokumentation sollte man unbedingt im russischen Parlament zeigen. Ich glaube, die Russen haben selbst ihr Land noch nie aus dieser Perspektive gesehen und sind sich manchmal selbst der Vielfältigkeit und grandiosen Schönheit ihres Landes nicht bewusst.

Daria Boll-Palievskaya
ist Journalistin, Autorin und Expertin für interkulturelle Kommunikation. Sie lebt in Düsseldorf.