Sonntag, 15. Dezember, 2019

Der acht Meter hohe Obelisk eines sowjetischen Ehrenmals steht vor dem Nordeingang von Stralsunds größter Kirche, weshalb die Christen ihn nicht nutzen möchten

Von André Hatting

Es ist stürmisch an diesem grauen Donnerstagmorgen auf dem Neuen Markt in Stralsund. Der Wind bläst aus westlicher Richtung – am Westende liegt traditionell der Eingang fast aller christlichen Gotteshäuser. Das ist bei der imposanten Marienkirche, im Volksmund „die Mächtige“ genannt, nicht anders. Denn im Osten steht der Altar und von dort kommen das Licht – und der Heiland. So ähnlich hat man es mal im Konfirmationsunterricht gelernt.

Alles schön und gut, sagt Christoph Lehnert und deutet mit der einen Hand auf eine prachtvoll verzierte Tür an der Nordseite der Marienkirche. Aber der Westeingang sei nun einmal nicht das Paradies. Der liebenswürdige Herr mit dem altersweisen Gesicht ist Pastor der Gemeinde Sankt Marien in Stralsund. Paradies, erklärt er dem verdutzten Journalisten, so nennen die Christen den Eingang im Nordportal. Der erfüllt eine wichtige theologische Funktion: „Der Mensch kommt nicht mit geradem Blick auf den Altar in die Kirche, sondern er kommt herein, und muss sich dann zum Altar drehen. Das entspricht der Ansicht, dass der Mensch Buße tun soll, er soll sein Leben überdenken, sein Leben verändern. Dazu bedarf es einer Bewegung – ob in Gedanken oder körperlich.“

Der Lübecker Dom hat ein solches Paradies, der Magdeburger auch und eben die Marienkirche, Stralsunds größtes Gotteshaus, direkt am Neuen Markt, der wiederum Stralsunds größter Platz ist im UNESCO-Welterbe-Ensemble der Altstadt.

Aber in Stralsund ist das Paradies verstellt. Wie ein Cherub steht nur wenige Schritte davor ein etwa drei Meter hoher Obelisk. Zwei pyramidal ineinandergefügte Blöcke, auf deren oberen Drittel das Emblem der Sowjetunion prangt. Im unteren Teil zeigt ein Bronzerelief einen sowjetischen Soldaten, der einem Zivilisten die Hand reicht.

Seit mehr als 65 Jahren bildet dieses Mahnmal das Zentrum eines Ehrenfriedhofs für die Sowjetsoldaten, die im Kampf um Stralsund gefallen und deren Gräber mit Steinplatten rund um das Mahnmal markiert sind. Wie viele Tote der Roten Armee dort liegen, lässt sich nicht mehr exakt sagen. Aber dass dieser Obelisk ihn kolossal ärgern würde, sagt Lehnert, das sei schon so seit er 1990 dort Pastor wurde. Es sei ja schließlich kein Zufall, dass der Stein direkt vor das Nordportal gesetzt worden ist. Niemand habe die Kirche damals um ihre Meinung gefragt. Eine rein ideologische Entscheidung sei das gewesen.

Doch dann kommt die Wende. Pastor Lehnert schöpft Hoffnung. Endlich würde dieses Relikt aus DDR-Zeiten verschwinden. Aber zu früh gefreut. Das Denkmal steht bis heute. „Und zwar so, dass wir guten Herzens dieses Nordportal, dieses Paradies für den täglichen Gebrauch, nicht nutzen können.“ Es bleibt also nur der Westeingang. Aber der ist nicht einmal behindertengerecht.

Warum knapp 30 Jahre nach der Vereinigung der Obelisk noch immer vor dem Paradies der größten Kirche Stralsunds steht, ist auch die Folge einer Abmachung zwischen der UdSSR und der Bundesrepublik aus den 1990er-Jahren. Demgemäß schont und pflegt Deutschland alle russischen Kriegsdenkmale, und Russland die deutschen.

Die evangelische Gemeinde St. Marien fragt sich allerdings: Heißt Schonung und Pflege, dass so gar nichts verändert werden darf, niemals? Es ist eine rhetorische Frage.

Pastor Lehnert greift nach seinem Hut. Immer wieder zerren Windböen daran. Ausgerechnet der ungeliebte Steinquader des Ehrenmals bietet etwas Schutz. „Wir sind ja nicht gegen den Friedhof“, betont er. „Wir wollen keine Umbettung. Aber muss dieser Obelisk hier stehen?“

Das gesamte Areal ist nicht im allerbesten Zustand. Lehnert deutet auf die Steinplatten der Gedenkstätte. Wurzeln haben sie hochgedrückt, Unkraut zwängt sich durch die Ritzen. Neben dem Obelisk tanzt ein Taschentuch im Wind, leere Bierflaschen lehnen an einer Steinmauer. Pastor Lehnert schüttelt den Kopf. Ein wenig traurig, aber nicht resigniert. Denn er hat wieder Hoffnung. Diese Hoffnung liegt wie sein Paradies im Norden. Dort wo das Stralsunder Rathaus steht.

Die Hansestadt plant seit längerem, den Neuen Markt völlig umzugestalten. Der ist momentan nicht viel mehr als ein großer Parkplatz. Gerade befindet man sich in der Planungsphase, und für Oberbürgermeister Alexander Badrow ist das die Gelegenheit, das Thema Ehrenmal anzugehen. Der CDU-Politiker weiß, nicht nur Pastor Lehnert, sondern auch die Mehrheit der Stralsunder ist mit dem Obelisk vor dem Nordportal nicht glücklich. Das haben die Gesprächsforen gezeigt, die Stralsund veranstaltet hat, um seine Bürgerinnen und Bürger an der Umgestaltung des Neuen Marktes mitwirken zu lassen.

Badrow macht den Steinquader deshalb zur Chefsache und reist kurzerhand nach Berlin. Sein Ziel: die russische Botschaft. Die Mission: einen Kompromiss finden. Das Ergebnis: ernüchternd.

Der Botschafter habe ihm gesagt, dass jede Veränderung des sowjetischen Ehrenfriedhofs schwierig sei. Ist es dieses diplomatische „schwierig“, das eigentlich „unmöglich“ meint? Badrow lacht über die Nachfrage: „Ich habe es sehr eindrücklich und klar so verstanden, dass sich die russische Seite eine Umgestaltung nicht vorstellen kann.“

Berlin, Unter den Linden, Termin beim Botschafter der russischen Föderation Sergei J. Netschajew. Netschajew ist ein freundlicher, überaus höflicher Herr Mitte 60. Seine bedächtige Redeweise lässt es nicht erkennen, seine Worte machen es umso deutlicher. Der Zweite Weltkrieg ist für Russland nach wie vor ein hochemotionales Thema: „Die Erinnerungskultur ist für uns heilig. Denn wir haben für den Sieg über den Nazismus und die Befreiung Europas einen riesigen Preis gezahlt: 27 Millionen Sowjetmenschen kamen ums Leben. Allein in Deutschland liegen etwa 650 000 begraben, verteilt auf über 4000 Kriegsgräber.“

Eines davon ist das in Stralsund auf dem Neuen Markt. Mit einem Obelisk vor dem Paradies der Marienkirche. Darauf angesprochen lächelt Botschafter Netschajew verständnisvoll: „Ich weiß, dass unser Denkmal und unsere Grabstätte nicht weit von einer evangelischen Kirche stehen. Vielleicht ist das auch ein gutes Zeichen. Die sowjetischen Soldaten haben damals ja auch die kirchlichen Gemeinden vom Nazismus befreit. Wir haben grundsätzlich ein gutes Verhältnis zur evangelischen und auch zur katholischen Kirche. Aber diese historische Grabstätte ist sehr wichtig für uns. Da bitten wir um Verständnis.“ Natürlich könne man über die konkreten Vorstellungen weiterhin reden, sagt Netschajew. Am liebsten wäre ihm allerdings, dass das Ehrenmal so bliebe, wie es ist.

Zurück im Stralsunder Rathaus bei Oberbürgermeister Alexander Badrow. Der steht jetzt vor einer schwierigen Aufgabe: „Ich habe die Situation, dass auf der einen Seite die Mehrheit der Stralsunder zwar möchte, dass sich das hier ändert. Auf der anderen Seite haben wir auf der Welt aber wahrlich genügend Konflikte und Probleme. Und wir als Stralsunder haben nicht wirklich Lust, dazu auch noch beizutragen.“

Für die Umgestaltung des Neuen Marktes bedeutet das eine komplizierte Gratwanderung: „Wir werden versuchen, das ganze Ensemble zu erhalten und zu integrieren. Und ich werde den Stralsundern dann erklären müssen, warum wir das so tun.“

Mehr Grün, weniger Straßen, keine Parkplätze, mehr Lebensqualität, der Neue Markt bekommt eine Generalüberholung. Aber mittendrin steht dieser Obelisk, der so bleiben soll, wie er ist. Eine echte Herausforderung für jedes Architektenbüro.

Seit Juni läuft die öffentliche Ausschreibung für die Umgestaltung des Platzes. Wer auch immer das Rennen machen wird, die Stadt Stralsund wird diesen Entwurf dann in jedem Fall noch mit der russischen Botschaft abstimmen.

André Hatting
ist Moderator und Reporter von Deutschlandfunk Kultur.