Sonntag, 15. Dezember, 2019

Wie der russische Journalist Victor Agaev seinen Landsleuten das deutsche Fernsehen erklärt

Von Victor Agaev

Es sind gewöhnlich finstere ältere Leute, die „Lügenpresse“ skandieren, wenn sie auf Demonstrationen in Ostdeutschland Fernsehjournalisten erblicken. Dasselbe Etikett hängte Joseph Goebbels gewöhnlich ausländischen Journalisten an, die über Hitlerdeutschland schrieben.

Wer diesen Aufschrei hört, kann kaum glauben, dass dieselben Menschen vor 30 Jahren auf denselben Plätzen in Dresden, Leipzig und Berlin begeistert vor den Kameras genau derselben Journalisten aus Westdeutschland posierten und ungeduldig auf deren Nachrichtensendungen warteten. Die Ostdeutschen glaubten dem Westfernsehen, sie sahen darin ein von Propaganda freies Masseninformationsmittel, das nichts schönredete, weder die Arbeitslosigkeit noch den Terrorismus noch die politischen Skandale im Lande vertuschte; es erlaubte sich sogar, den Kanzler zu kritisieren.

Das System des Rundfunks der BRD begann mit dem Hörfunk und wurde von den westlichen Besatzungsmächten errichtet. „Das Radio darf nicht das Sprachrohr der Regierung und nicht Werkzeug seiner Propaganda sein“ umschrieb US-Kontrolloffizier Edmund Schechter 1945 die Grundprinzipien des neuerschaffenen Systems. „In Radiosendungen sollen sich die Meinungen aller Bevölkerungsschichten, aller gesellschaftlichen Gruppen und Parteien widerspiegeln.“

Dieses System heißt öffentlich-rechtliches, in Anlehnung an die britische BBC. Seine Finanzierung und seine Unabhängigkeit vom Staat werden durch das Grundgesetz garantiert. Das Budget kommt nicht aus dem Staatshaushalt, sondern direkt vom Volk. Jeder der rund 40 Millionen Haushalte zahlt monatlich 17,50 Euro Rundfunkbeitrag, dafür sollen die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten von ARD und ZDF die „mediale Grundversorgung der Bevölkerung“ leisten.

Die Unabhängigkeit der Sendeanstalten wird auch von deren Leitungsstruktur gewährleistet. Es handelt sich um ein mehrstufiges System von Räten aus Vertretern aller parlamentarischen Parteien, der Konfessionen, der Gewerkschaften, aus Wirtschaft, Sport, Frauenverbänden, diversen Minderheiten, Kultur usw. Die Räte setzen die Verwaltungsspitze ein, verteilen die Mittel und überwachen eine sachliche und ausgewogene Berichterstattung.

Die ARD, im Jahre 1950 als Allianz aus sechs Radiosendern gegründet, ist mittlerweile zu einer Multimedia-Holding herangewachsen, bestehend aus neun regionalen Gesellschaften, die wiederum 20 Fernsehkanäle und 55 Radiostationen umfassen. Das ZDF, gegründet im Jahre 1961 als Konkurrenz zur ARD, betreibt nur Fernsehsender. Beide Gesellschaften kooperieren mit Partnern in 30 Ländern und waren beteiligt an der Gründung zweier internationaler Fernsehsender: dem deutsch-französischen Kanal Arte und dem Sender 3sat, einem Gemeinschaftsprojekt der Schweiz, Österreichs und Deutschlands.

Erst Mitte der 1980er-Jahre bekamen ARD und ZDF reale Konkurrenten – die privaten Fernsehsender RTL und Sat1, die gebührenfrei senden. Derzeit gibt es um die 200 private Sender (einschließlich Pay-TV und Teleshopping), die permanent um ihre Quote kämpfen, weil davon ihr Werbeumfang abhängt. Damit der Kampf um den Zuschauer im Rahmen von Recht und Ordnung und des Grundgesetzes bleibt, schuf man in Deutschland, wie in diesem Lande üblich, ein verwirrendes Kontrollsystem, das unter anderem die Bildung von (Territorial- oder Finanz-) Monopolen unterbinden sollte. Als Monopolist gilt eine Mediagruppe, die mehr als 30 Prozent der Zuschauer einer bestimmten Region erreicht.

Nach der Wiedervereinigung wurde in der ehemaligen DDR der Sender RTL zum klaren Marktführer. Im Jahr 2006 lag ihre Quote bei über 14 Prozent, die der ARD bei lediglich 12. Zum Vergleich: Im Westen lag die ARD bei 15 Prozent, RTL bei etwa 10 Prozent.

Umfragen belegen: Je höher der Bildungsstand und das Einkommen der Zuschauer, desto höher die Quote der öffentlich-rechtlichen Sender. Und umgekehrt: RTL ist populärer bei Zuschauern mit niedrigerer Bildung und geringerem Einkommen. Im Jahr 2004 lag die Quote der ARD bei den Besserverdienenden bei über 20 Prozent, die der RTL bei 7 Prozent. Bei den Geringverdienern lag die Quote der ARD bei etwa 10 Prozent, die von RTL bei mehr als 15 Prozent. Dabei verbrachten die Gebildeten und Besserverdienenden täglich durchschnittlich zwei Stunden mit Fernsehen, die einfachere Bevölkerung fünf.

Das Programm der Sender wird in hohem Maße vom Niveau der Zuschauer bestimmt. Bei ARD und ZDF läuft praktisch täglich nach 20 Uhr irgendein Politikmagazin, in dem in der Regel etwas oder jemand enthüllt wird, daneben auch Diskussionssendungen. Diese sind, verglichen mit den Sendungen im russischen Fernsehen, in der Bildgestaltung langweiliger und billiger, aber seriöser.

Analytische Formate findet man bei den Privatsendern nicht. Nachrichtensendungen werden bei ihnen in reduzierterer und vereinfachter Form ausgestrahlt. Allerdings hat der Staat aus Sorge um die intellektuelle Entwicklung der Bevölkerung die Privatsender verpflichtet, Sendeplätze und ‑zeit für seriöse Sendungen zur Verfügung zu stellen. Diese werden in der Regel von Firmen produziert, die seriösen Printmedien gehören, darunter Spiegel TV, Welt TV und NZZ.TV. RTL hat gleich einen ganzen Informationssender (n-tv) eingekauft.

Aber überwiegend senden die Privaten lizensierte Showsendungen, Spiele und endlose Reality-Shows, im Großen und Ganzen wie überall auf der Welt. Etwas Einzigartiges, Eigenes, das im Gedächtnis bleibt, gibt es äußerst selten. Dabei haben auch die Deutschen gezeigt, dass es nicht immer am Geld liegt, sondern vor allem am Moderator.

Der Beweis dafür ist Stefan Raab. Wäre er der Familientradition gefolgt, würde er heute als Metzger in Köln arbeiten. Stattdessen besuchte er ein katholisches Gymnasium und wurde anschließend ein erfolgreicher Medien-Geschäftsmann, Musiker und Schauspieler. Er nahm am Eurovision Song Contest teil und belegte den siebten Platz. Dann bereite er Lena Meyer-Landrut auf diesen Wettbewerb vor, sie gewann den Titel. Wirklich populär wurde Raab aber mit der Show „TV total“, die er von 1999 bis 2015 auf dem privaten Sendekanal Pro7 moderierte  ̶  viermal die Woche, 16 Jahre lang.

Deshalb braucht man sich nicht zu wundern, wenn heute, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, viele Menschen (inzwischen mittleren Alters) ausgerechnet Raab nennen, wenn man sie fragt, was ihnen aus dieser Zeit in Erinnerung geblieben ist. Und das ist ausschließlich sein persönliches Verdienst.

Das Format „TV total“ war vergleichbar mit einer typischen Late-Night-Show aus den USA, die seit 1954 in allen Ländern der Welt ausgestrahlt werden, darunter auch in Russland. Sie gleichen sich alle wie ein Ei dem anderen: Drehbuch, Komposition, Design, Auswahl der Gäste, alles identisch. Raab unterfüttere das Format mit vorab gedrehten Szenen, in denen er immer etwas Verrücktes machte. Einmal ging er mit einer Profiboxerin in den Ring, ein anderes Mal trat er gegen eine Eisschnelllauf-Olympiasiegerin an, er flog mit einem Kampfjet und stieg in die Kletterwand. Er war unermüdlich, machte, was er wollte, probierte Dutzende von Formaten aus, dachte sich eigene aus und entwickelte existierende weiter – kurz, Fernsehen total.

Der Grund für seine Popularität ist vielen immer noch unerklärlich. Mancher ist überzeugt, es liege nur daran, dass er nicht davor zurückschreckt, sich bei jeder Gelegenheit über Menschen lustig zu machen, typisch deutscher Humor eben, grob und grenzwertig, aber charakteristisch für die Zielgruppe von Pro7 und Sat1. Mehr als einmal bekam er für seine Witzchen eins aufs Auge, einmal unmittelbar bei der Verleihung eines der zahlreichen Preise, die er einheimste.

Niemand hat eine Erklärung, warum die Show schließlich abgesetzt wurde. Es hieß, Raab wolle etwas Seriöses machen. (Er hat ja auch mehrfach bewiesen, dass er politische Talk-Shows moderieren kann.) Aber bei seinem Sender war das nicht gefragt.

Währenddessen werden bei ARD und ZDF Sendungen immer populärer, in denen ernsthafte Informationen als Unterhaltung präsentiert werden (Infotainment). Das prägnanteste Beispiel beim ZDF ist das politische Kabarett „Die Anstalt“. Mehrere gute Schauspieler tun so, als versuchten sie, die Politiker und ihre Entscheidungen zu verstehen. Auch Jan Böhmermann (ZDFneo) wurde rasch populär. Er brachte mit seinem beißenden Spott sogar den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan zur Weißglut, der ihn wegen Beleidigung verklagte.

Vor unseren Augen sehen wir das Verschwinden der Direktübertragung. Mit ihren modernen Fernsehgeräten, die auch Zugang zum Internet haben (Smart TV), schalten die Zuschauer (vor allem die unter 50-Jährigen) immer häufiger Sendungen aus den Mediatheken der Fernsehsender ein – zum Leidwesen der Macher, weil so die Zuschauer ihre Sendungen oft nicht bis zu Ende schauen. Noch schlimmer ist, dass sie die Werbung überspringen, die für die Fernsehsender überlebenswichtig ist. Und immer häufiger werden fremde Produktionen konsumiert (Technologie OTT).

Im Jahr 2018 sahen nur ein Drittel der jungen Menschen unter 30 Jahren täglich das traditionelle Fernsehen, jeder zweite zwischen 30 und 49 Jahren. Nur Rentner sehen noch analoges TV. Die Tendenz ist eindeutig: Ein Jahr zuvor war der Anteil der Konsumenten des Normal-Fernsehens in jeder Gruppe (außer bei den ganz Alten) noch fast um ein Drittel höher.

Durchschnittlich jeder Dritte konsumiert Videos im Internet, bei den unter 30-Jährigen sind es schon fast 75 Prozent (was den Fernsehkonsum nicht ausschließt). Gefragt, auf welches Gerät sie nicht verzichten möchten, nannte im letzten Jahr die Mehrheit das Smartphone, ein Jahr zuvor war es noch das Fernsehen gewesen.

Informationsprogramme im Fernsehen haben es immer schwerer, weil die Menschen immer häufiger Nachrichten und Kommentare aus selbsternannten Internet-Fernsehstudios mit zweifelhafter Provenienz beziehen, die behaupten, sie seien im Besitz der wirklichen Wahrheit. Und wenn die Menschen sich solche Sendungen angeschaut haben (praktisch nur im Osten Deutschlands), gehen sie auf Demonstrationen und brüllen „Lügenpresse“, sobald sie professionelle Journalisten sehen.

Victor Agaev
ist Mitarbeiter der Zeitung Kommersant.