Sonntag, 15. Dezember, 2019

Weltbürgerin wider Willen: Alexander Osangs deutsch-russische Familiengeschichte

Von Lutz Lichtenberger

Von Berlin aus ist er in die ganze Welt gefahren, nach New York, London und Jerusalem, schrieb unzählige Reportagen für das Magazin Der Spiegel, nahm drei Mal den Egon-Erwin-Preis entgegen – sein plauderhafter, aber von genauer Beobachtung getragener Stil wird an Journalistenschulen gelehrt. Alexander Osang ist, mit allen guten und schlechten Klischees, die mit dem Wort verbunden werden können, ein Starreporter, ein Name, den in Deutschland auch die Menschen kennen, die kaum noch Zeitung lesen.

Sein Roman „Das Leben der Elena Silber“ erzählt die Geschichte einer russischen Großmutter und will zugleich eine Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts sein, großes Geschichtspanorama, deutsche und russische Geschichte – und die beginnt Osang in der Gegenwart.

Der Filmemacher Konstantin Stein – in dem man ein Alter Ego des Autors sehen kann – ist auf Sinnsuche. Stein ist Anfang 40 und lebt in Berlin, der zwölfjährige Sohn bei der Mutter. Die Karriere holpert und in seinem Kopf rumort es auch, Stein geht zur Psychotherapie, er will sich selbst finden.

Zu Beginn des Romans ist er gerade wieder in Berlin angekommen, nachdem er für einen möglichen neuen Film am Schwarzen Meer war. Er hatte sich dort an die Fersen eines serbischen Tennisspielers geheftet. Bogdan, so heißt er, war wie Novak Djokovic in seiner Kindheit aus Belgrad geflohen. Djokovic wurde zu einem Superstar, der 16 Grand-Slam-Titel gewann und die Tennis-Weltrangliste anführt. Bogdan blieb das ewige Talent, Platz 250 der Juniorenweltrangliste.

Aber Bogdan führt kein langweiliges Leben. Mit einem Tennisstipendium studiert er in einem College in den USA Literaturwissenschaften, schreibt zwei unveröffentlichte Romane, heiratet eine jüdische Bibliothekarin aus Odessa und zieht nach Berlin, wo er russischen Oligarchen Tennisunterricht gibt.

Der Filmemacher Konstantin sieht in Bogdan, dem Flüchtling, einen „Weltbürger wider Willen“, in dessen Geschichte sich die Geschichte unserer Zeit spiegle. Aber den tieferen Zugang zu dessen Geschichte und was sie zum Sinnbild macht, hat er noch nicht gefunden.

Konstantins Mutter spürt die Verunsicherung des Sohns. Bei dessen Besuch in der elterlichen Wohnung im Prenzlauer Berg in Berlin, einst das Stadtviertel der DDR-Oppositionellen, heute der Hort des Bionade-Biedermeiers für junge, wohlhabende, zugezogene Familien, hat sie alte Landkarten und Familienfotos an die Wand gepinnt.

Der Vater, Claus Stein, war zu DDR-Zeiten ein angesehener Tierfilmer. Seine Frau Maria will ihn in das Pflegeheim abschieben, in dem schon ihre Mutter Elena Silber ihre letzten Jahre verbracht hat. Konstantin ist konsterniert, sieht mit dem Auseinanderbrechen der Eltern seine eigene Geschichte und Herkunft bedroht.

Es ist die Mutter, die Konstantin auf den Weg zu seiner Geschichte in die Vergangenheit führt: „Ich habe gedacht, ich liefere dir ein Thema, was dich mehr angeht als das Leben irgendeines kroatischen Tennisspielers.“ Die Familiengeschichte sei schließlich nicht nur ihre, sondern auch seine, Konstantins, der mehr als sieben Jahrzehnte nach seiner Großmutter geboren sei.

Osang hat in „Die Leben der Elena Silber“ die Geschichte seiner eigenen Familie mütterlicherseits zum Roman gemacht. Von Kapitel zu Kapitel springt er zwischen Geschichte und Gegenwart, die sich im Laufe des Romans langsam aber sicher aufeinander zubewegen.

Denn Konstantin macht sich, nach anfänglichem Zögern, tatsächlich daran, dem schicksalhaften Leben seiner Vorfahren nachzuspüren. Nicht nur Bogdan, sondern auch seine Großmutter erweisen sich schließlich, auf je eigentümliche Weise, als „Weltbürger wider Willen“.

Elena Silber wurde 1902 als Jelena Krasnow in Gorbatow geboren, etwa 400 Kilometer östlich von Moskau am Fluss Oka. Ihr Leben war eine einzige Flucht – zunächst floh sie vor den Soldaten des Zaren, die ihren Vater Viktor ermordeten, einen Kommunisten. Der Leser erfährt davon in dem denkwürdigen ersten Satz des Romans: „Sina Krasnowa schob die letzten Scheite in den Ofen, als sie draußen in der Stadt ihrem Mann einen Holzpfahl in die Brust schlugen.“

Elena muss auch vor ihrem Stiefvater fliehen, der sie missbraucht. Sie entkommt ihm durch die Begegnung mit einem deutschen Textilingenieur, ihrem späteren Ehemann, der auf Einladung Lenins die industrielle Massenproduktion vorantreiben sollte:

„Der Deutsche hieß Robert F. Silber und sah nicht so aus, wie sich Jelena einen Deutschen vorgestellt hatte. Er hatte dunkle Haare, dunkle Augen und roch phantastisch. Er roch nach Süden, dachte Jelena. Der Mann schien einem Abenteuerroman entstiegen zu sein – ein Georgier eher oder ein Spanier – er war jünger und kleiner als der deutsche Ingenieur, den sie erwartet hatte. Er erschien in Begleitung von zwei Kofferträgern und einer Dolmetscherin aus Moskau, was seinen glamourösen Auftritt unterstrich.“

Nach der Hochzeit wird aus Jelena Krasnow Elena Silber.

Robert Silber hat eine eigene, lange Zeit unklare Geschichte. Die junge Familie zieht erst nach Moskau, später von Leningrad nach Berlin und schließlich ins niederschlesische Sorau, wo Robert Silbers Eltern eine Textilfabrik betreiben. Im Haushalt mit fünf Töchtern arbeiten Gefangene des Konzentrationslagers Christianstadt. Bruchstückhaft offenbart sich Silbers Verstrickung in die Verbrechen der Nazis.

Im Februar 1945 erreicht die sowjetische Armee Sorau, und er flieht mit dem Familienschmuck nach Berlin: „Robert war immer ein abwesender Vater gewesen. Die Mädchen waren daran gewöhnt. Aber als er zwei Monate nicht auftauchte, fragten sie nach ihm. Jelena hatte ihnen erzählt, ihr Vater sei ihnen nach Berlin vorgefahren. Sie brauchten eine Erzählung. Eine Perspektive. Eine Hoffnung. Jeder brauchte das. Sie hatte die Geschichte immer mehr ausgeschmückt. Sie hatte nur die Phantasie, die Erinnerung und baute daraus eine Geschichte, in der sie leben konnten.“

Konstantins Großmutter Elena muss sich entscheiden: Soll sie mit ihren Töchtern zurück in die russische Heimat gehen oder der hoffnungsvollen Geschichte nachfolgen, die sie selbst erzählt hat, und ebenfalls nach Berlin aufbrechen? Sie geht nach Westen und beschließt, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Der Verbleib und die dunklen Geheimnisse ihres Mannes sollen für sie und ihre Kinder kein Thema mehr sein.

Ihr Enkel Konstantin Stein reist 70 Jahre später gen Osten, um genau dieser Geschichte nachzuspüren. Er besucht mit seinen Eltern Sorau und fährt mit seinem Cousin nach Gorbatow. Er sucht über Zeiten, Länder und Geschichte hinweg den Kontakt zu seinen Vorfahren, um sich und sein Leben darin zu entdecken: „Als er aus Moskau nach Hause gekommen war, hatte im Briefkasten die Antwort auf seinen Suchantrag beim Roten Kreuz gelegen, den er vor zwei Monaten gestellt hatte. Es gab keine Informationen über den Verbleib von Robert Silber, auch nicht in den sowjetischen Archiven, die vor ein paar Jahren geöffnet worden waren. Konstantin hatte das Gefühl gehabt, die Todesnachricht eines nahen Verwandten erhalten zu haben.“

Der Kritiker Martin Halter fasste sein Urteil über das Buch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit dem schönen Aperçu zusammen: Osang habe „seinen großen russischen Roman für die Generation Netflix“ geschrieben, hin und her springend zwischen Vergangenheit und Gegenwart, gespickt mit Zitaten aus Film- und Literaturgeschichte.

Für das zeitgemäße binge reading ist das deutsch-russische Geschichtspanorama tatsächlich prächtig geeignet.

Lutz Lichtenberger
ist Redakteur dieser Zeitung.