Sonntag, 15. Dezember, 2019

Reporterglück: Als der Schlagbaum an der Bornholmer Straße sich öffnete

Von Georg Mascolo

Wie fühlt er sich an, der Morgen nachdem es gelungen ist, aufregende, spektakuläre Bilder von der Öffnung der Mauer zu drehen? Daran kann ich mich gut erinnern, weil es Frust und Enttäuschung waren. Der 9. November 1989, Höhepunkt und Finale einer deutschen Revolution, war ein Donnerstag. Das TV-Magazin Spiegel-TV, für das ich damals arbeitete, würde jedoch erst wieder am Sonntag senden.

Wer aber würde diese Bilder drei Tage danach noch sehen wollen, fragte ich mich? Alles, aber auch alles über diese historische Nacht würde doch bis dahin wieder und wieder gezeigt worden sein.

Mein Kameramann Rainer März und sein Assistent Germar Biester, großartige Profis und Kollegen, hatten ein besseres Gespür. „Das war wir erlebt haben, ist etwas ganz Besonderes“, behauptete Rainer hartnäckig.

Erst als ich in den nächsten Tagen im Hotel durch die verschiedenen Sondersendungen zappte und nur Bilder der Trabi-Schlangen und jubelnden Menschen sah, begann ich zu hoffen. Vielleicht hatten wir an diesem Abend wirklich besonderes Glück gehabt.

Und tatsächlich: Die Bilder von der Öffnung des Grenzübergangs an der Bornholmer Straße in Berlin sind bis heute einzigartig, die Unesco hat sie zum Teil des Weltdokumentenerbes erklärt, so wie Goethes literarischen Nachlass oder Beethovens 9. Sinfonie.

Sie sind einzigartig, weil die Bornholmer Straße in jener historischen Nacht der erste Grenzübergang war, der aufmachte. Und weil diese Aufnahmen zeigen, dass das Ende des tödlichen Bauwerks nicht das Ergebnis eines wohl durchdachten Plans des Politbüros war, sondern von den Menschen in der DDR erzwungen wurde. Der Mauerfall war tatsächlich ein Mauersturm. Bis heute zeigen diese Bilder die Dramatik jener Stunden, den Mut der Menschen und die Unsicherheit des wankenden Unterdrückungsapparats. Sie dokumentieren jenen Moment, als in der Diktatur die Angst die Seiten wechselte.

Zu denen, die in jener Nacht über den Grenzübergang in den Westen zogen, gehörte auch eine junge Physikerin, die direkt aus der Sauna an die Bornholmer Straße kam. Damals war sie eine Unbekannte, heute kennt die ganze Welt ihren Namen: Es ist Angela Merkel.

Wären wir an unserer Hotelbar in einem DDR-Devisen-Hotel nahe des Brandenburger Tors sitzen geblieben, würde es die Bilder nicht geben. Politbüro-Mitglied Günter Schabowski hatte kurz zuvor auf der weltberühmt gewordenen Pressekonferenz eine neue Ausreisereglung für DDR-Bürger verkündet.

Aber was genau er damit gemeint hatte und wer nun wirklich fahren durfte, darüber debattierten bei überteuertem Radeberger-Bier vom Fass erfahrene Korrespondenten mit angereisten Neulingen wie mir. Nach meiner Erinnerung sagten nicht einmal die wagemutigsten und meinungsfreudigsten Kollegen den Fall der Mauer und das Ende der Teilung des Lands voraus. Ich war 25 Jahre alt und hatte sowieso keine Ahnung.

Die Ratlosigkeit war groß, aber klar war mir zumindest, dass eine Hotelbar in Berlin-Mitte auch der falscheste Ort war, um herauszufinden, was geschehen würde. So packten wir unsere Sachen und fuhren zum Prenzlauer Berg, schon damals die Hochburg des Widerstands. Wer in Berlin-Ost zu den Unzufriedenen, den Rebellischen, der Opposition gehörte, der wohnte dort. Die Häuser reichten direkt an den Grenzübergang. Wenn etwas passieren würde, dann dort, dachte ich.

Auf den Straßen war es ruhig und so landeten wir zunächst wieder an einer Theke, auch an dieser gab es kein anderes Thema als die Schabowski-Erklärung. Niemand wusste, was sie zu bedeuten hatte. Aber über die Westmedien kamen die ersten Meldungen: Die Mauer sei offen. Das war sie tatsächlich noch nicht, aber die Menschen am Prenzlauer Berg waren neugierig, ungeduldig und inzwischen ohne Angst. So zogen sie an den Grenzübergang Bornholmer Straße. Und wir gingen mit.

Vor dem Übergang standen bereits Tausende, sie drückten und drängten, schließlich erhob sich ein Sprechchor: „Tor auf, Tor auf“ skandierten die Menschen, gefolgt von einem Versprechen: „Wir kommen wieder, wir kommen wieder.“

Wir standen direkt an dem noch verschlossenen Schlagbaum und prompt gab es Ärger mit den Grenzern. Um die Szenerie zu filmen, hatten wir die Sperre überstiegen und standen – für jeden DDR-Grenzer eine Ungeheuerlichkeit – direkt auf dem Übergang. Einer verlangte unsere Pässe und drohte, uns in den Westen auszuweisen. Ich stritt noch mit ihm herum, da wurde direkt neben uns der Riegel des Schlagbaums gelöst, jubelnde Menschen zogen in die Freiheit. Es war das erste Loch in der Mauer. Nach und nach wurden auch an anderen Grenzübergängen die Kontrollen eingestellt.

Erst später habe ich verstanden, was in dieser Nacht wirklich geschehen ist, mit meinem Team führte ich Interviews mit all jenen Grenzern und Stasi-Offizieren, die in dieser Nacht an der Bornholmer Straße Dienst getan hatten. Ich erfuhr, dass sie immer im Stasi-Hauptquartier um Weisungen gebeten hatten, sie wussten nicht, was sie tun sollten, sie hatten Angst, waren verunsichert. Schießen wollte niemand, jeder in der DDR kannte die Bedeutung des Worts „chinesische Lösung“. Zunächst kam noch der Befehl der Stasi-Führung jenen, die besonders auf Ausreise drängten, einen Stempel halb auf das Passfoto zu drücken: eine Markierung, um sie später nicht wieder ins Land zu lassen. Es war der letzte Betrug eines untergehenden Regimes.

Bis heute habe ich Kontakt zu einigen der Offiziere dieser Nacht, dem Diensthabenden Oberstleutnant Harald Jäger etwa, der letztlich den Befehl zur Öffnung des Schlagbaums gab. Als ich in diesem Sommer auf Einladung des Bundespräsidenten noch einmal die Geschichte dieser Nacht erzählte, saß Jäger im Publikum. Immer wieder hat es den Vorschlag gegeben, ihn mit dem Bundesverdienstkreuz auszuzeichnen, so wie den ungarischen Oberstleutnant Apard Bella, der im August 1989 den Eisernen Vorhang an der österreichischen Grenze öffnete und hunderten DDR-Bürgern die Flucht ermöglichte.

Spät in jener Nacht des 9. November suchte Jäger an der Bornholmer Straße einen ruhigen Platz, um zu weinen. Er ging in die Abfertigungsbaracke. Aber da saß schon ein Hauptmann und weinte. Heute ist Jäger stolz auf seine Entscheidung.

„Es war die Vorsehung, dass Sie in dieser Nacht da waren“, hat einmal eine Frau zu ihm gesagt. „Nein, es war der Dienstplan“, antwortete Jäger.

Georg Mascolo
war Chefredakteur des Magazins Der Spiegel und ist Leiter des Rechercheverbunds von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung.

Politik & Wirtschaft