Samstag, 31. Oktober, 2020

Kriegsende in Deutschland: Angst vor Vergeltung und Suche nach Zukunft

Von Svenja Goltermann Am Ende: Die Hauptstadt des Tausendjährigen Reichs 1945
Bild: Shutterstock/Everett Historical by Yevgeny Khaldei

Es gibt Zeiten, in denen es so scheint, als wäre man vor Jahrzehnten schon einmal weiter gewesen. Deutschland, das in diesem Jahr auf das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren zurückblickt, macht einen solchen Eindruck. Geschichtsrevisionistische Äußerungen, die den Nationalsozialismus und seine Verbrechen herunterspielen, sind in jüngster Zeit nicht nur beschämend laut geworden; sie werden von prominenten Vertretern der Neuen Rechten auch gezielt eingesetzt, um die demokratische und liberale Ordnung der Bundesrepublik anzugreifen. Der „antitotalitäre Grundkonsens“, den die Historiker Ulrich Herbert und Axel Schildt vor 20 Jahren als gemeinsames Kennzeichen fast aller Gesellschaften des europäischen Kontinents erachteten, hat offenkundig Risse bekommen. An das Kriegsende zu erinnern, ist deshalb erneut dringlich geworden.

Das offizielle Kriegsende in Deutschland am 8. Mai 1945, der Tag der bedingungslosen Kapitulation, markiert für weite Teile Europas zunächst und vor allem eines: das Ende eines von deutscher Seite entfesselten, verbrecherischen Angriffskriegs, der im September 1939 mit dem Überfall auf Polen begann und sich zu einer beispiellosen Gewalt- und Vernichtungseskalation insbesondere im Osten Europas ausweitete. Die Gesamtzahl der Toten wird heute auf mehr als 60 Millionen Menschen geschätzt; aufgrund des Genozids, der Bombardierungen und der Vertreibungen handelte es sich mehrheitlich um Zivilisten.

Allein die Sowjetunion beklagte mehr als 25 Millionen Tote, Polen etwa 6 Millionen, unter ihnen mit rund 3 Millionen Menschen mehr als die Hälfte aller ermordeten Juden in Europa. Die Verbrechen der Deutschen, vor allem die im Osten an den Juden verübten, waren und sind in der Geschichte ohne jede Parallele.

Historikerinnen und Historiker legen den Schwerpunkt jedoch schon längst nicht mehr auf den Tag der Kapitulation, wenn es um das Kriegsende geht. Denn das Ende des Kriegs begann Monate zuvor, im Westen Deutschlands spätestens nachdem US-amerikanische Soldaten am 11. September 1944 in der Nähe von Aachen die Staatsgrenze des Deutschen Reichs überquert hatten; einen Monat später überschritten sowjetische Soldaten erstmals die deutsche Grenze im Osten.

Was sich in den verbleibenden Monaten bis zur bedingungslosen Kapitulation auf dem Gebiet des Deutschen Reichs abspielte, war höchst divers: Die wachsende Kriegsmüdigkeit deutscher Zivilisten paarte sich mit einem von der Propaganda hochgepeitschten „Endkampf“, der besonders im Osten Deutschlands erbittert geführt wurde. Allein ein Drittel aller deutschen Soldaten, die während des Kriegs ums Leben kamen, starb in den letzten Kriegsmonaten zwischen Januar und Mai. Während einige Deutsche bereits weiße Tücher aus den Fenstern hängten, um den Amerikanern ihre Kapitulation zu signalisieren, schickte die SS einen guten Teil der noch verbliebenen Insassen der Konzentrations- und Außenlager auf „Todesmärsche“.

Schrittweise befreiten unterdessen sowjetische, US-amerikanische und britische Soldaten die Konzentrationslager, und nicht jeden der erschöpften und beinahe verhungerten Insassen konnten sie retten. In dieser Phase der Auflösung und einem unbeschreiblichen Chaos kreuzte sich auf deutschem Boden der Weg der KZ-Häftlinge auf den „Todesmärschen“ mit dem der Flüchtlinge und Vertriebenen, der deutschen Kriegsgefangenen, der Ausgebombten und ausländischen Zwangsarbeiter, die sich teilweise schon hatten befreien können. Hunderttausende dieser Menschen starben, noch bevor der Krieg offiziell zu Ende war.

Zahlreiche größere und kleinere NS-Funktionäre, aber auch „normale Bürger“, Männer wie Frauen, suchten während der letzten Kriegsmonate jedoch den Freitod, überwiegend im Osten. Der Sicherheitsdienst der SS bemerkte bereits im März 1945, dass immer mehr Menschen daran dachten, ihrem Leben aus Angst „vor der mit Sicherheit zu erwartenden Katastrophe“ ein Ende zu setzen.

Die propagandistisch geschürte Angst vor der Vergeltung der Roten Armee spielte eine erhebliche Rolle. Andere konnte sich eine Zukunft einfach nicht mehr vorstellen. Während jene, die von den Nationalsozialisten verfolgt worden waren, die Alliierten herbeisehnten, machten sich die meisten Deutschen während der letzten Kriegstage keine Illusionen über ihre eigene Zukunft.

Trotz der Erleichterung über das Ende der Kriegsgewalt und das reine Davongekommensein wich die Stimmung der Desillusionierung unter den Deutschen nach der bedingungslosen Kapitulation vom 8. Mai 1945 nur langsam, wie man heute aus autobiografischen Berichten, Tagebüchern, Briefen und Krankenakten weiß. Der Wille, nach vorn zu schauen, mischte sich – oft in ein und derselben Person – mit tiefer Erschöpfung und Trauer, dann wieder mit Gefühlen der Hilflosigkeit, der Angst und des Ausgeliefertseins angesichts der völligen Unklarheit über die Zukunft Deutschlands und das eigene Schicksal.

Zu diesen widersprüchlichen Empfindungen trugen Plünderungen – nicht nur durch die Besatzer –, tätliche Übergriffe und Vergewaltigungen ebenso bei wie der vor allem in den Städten grassierende Hunger sowie der Vorsatz der Alliierten, den Nationalsozialismus radikal zu beseitigen, auch wenn dies angesichts der Absicht, umgehend eine neue politische Ordnung aufzubauen, letztlich gar nicht zu leisten war.

Doch die Verhaftungsaktionen der ersten Monate, bei denen in der amerikanisch besetzten Zone rund 117 000, in der sowjetischen etwa 127 000 ehemalige Parteimitglieder in Internierungslager überführt wurden, waren in ihrem Ausgang für die Betroffenen nicht kalkulierbar. Das gilt in ähnlicher Weise für die Entnazifizierungsverfahren, die in den verschiedenen Besatzungszonen zwar mit unterschiedlicher Härte erfolgten, aber zunächst für Millionen von Deutschen bedeuteten, dass ihre nationalsozialistische Vergangenheit geprüft werden würde und sie gegebenenfalls Zwangsmaßnahmen zu erwarten hatten.

Für die mangelnde Berechenbarkeit, die mit diesen Verfahren verbunden waren, ist die hektische Suche nach Entlastungszeugnissen, die schon zeitgenössisch bemerkt und spöttisch kommentiert wurde, ein untrügliches Indiz. Vielen gelang es, sich mithilfe dieser „Persilscheine“ zu entlasten und die Mitverantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen herunterzuspielen.

Die Entnazifizierungsverfahren waren für viele der Betroffenen eine einschneidende Erfahrung, die sie zwang, sich mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen und zum Nationalsozialismus auf Abstand zu gehen. Hinzu kam, dass die eigene Lebensgrundlage bis zum Abschluss des Verfahrens und der bescheinigten Entlastung in der Schwebe hing. Für unzählige Menschen war es deshalb ein zähes und zermürbendes Warten auf den Bescheid, der so entscheidend für die Zukunft war.

Der Historiker Michael Geyer hat einmal pointiert formuliert, dass an der Kontroverse über den 8. Mai 1945 als „Befreiung“ oder „Niederlage“ deutlich geworden sei, wie sehr sich „die Nachkriegsgesellschaft am Ende des 20. Jahrhunderts aus dem Krieg herausgeredet hatte“. Wenn wir heute darauf bestehen, dass dieser Tag für die Deutschen eine Befreiung gewesen sei, hat das zwar insofern seine Berechtigung, als wir damit deutlich zum Ausdruck bringen, dass wir den verbrecherischen Charakter des nationalsozialistischen Regimes und die Notwendigkeit seiner Zerstörung vollständig anerkennen. Doch die Rede von der „Befreiung“ hat ihre Tücken.

Zum einen verstellt sie den Blick auf die Geschichte, in der sich unzählige Deutsche alles andere als „befreit“ fühlten, sei es, weil sie an ihren „Führer“ geglaubt hatten, von Zukunftsangst eingeholt wurden oder selbst gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt waren. Zum andern legt gerade „die implizite Bedeutung von Befreiung“ nahe, die Deutschen seien alle Opfer gewesen, wie der Historiker Reinhard Koselleck schon vor Jahren in einem Interview kritisierte. Dazu bemerkte er knapp: „Wir Deutschen waren aber auch Täter in einem sehr eindeutigen Sinne, ob als KZ-Wärter oder als Soldaten. Ich habe bis zum Schluss gekämpft, um nach dem Westen zu entkommen; zu behaupten, ich sei ein Opfer, wäre für mich eine Lüge. Und zu behaupten, ich sei befreit worden, als ich gefangen genommen wurde, widerspricht völlig meiner Erfahrung.“

Wenn wir in die unmittelbare Nachkriegszeit zurückgehen, sind zeitgenössische Aussagen selten, in denen sich Deutsche so klar als Täter bezeichneten. Überhaupt schien es schon vielen ausländischen Beobachtern, später auch Zeithistorikern, dass die Deutschen die nationalsozialistischen Verbrechen nach Kriegsende umgehend beiseitegeschoben, sie im Grunde verdrängt oder zumindest relativiert hätten, ohne sich in irgendeiner Weise für diese Taten schuldig zu fühlen oder über diese Verbrechen erschüttert zu sein.

Es steht außer Frage, dass es diese

Fälle gibt, deren Zahl jedoch schwer zu beziffern ist. Doch in der zutage tretenden Unsicherheit und Orientierungslosigkeit, in der Verzweiflung und den Ängsten, die unmittelbar nach Kriegsende viele Deutsche, gerade auch ehemalige Soldaten heimsuchten, lässt sich auch die bleibende Präsenz der erlebten und begangenen Gewalt im Leben der Davongekommenen aufspüren.

So finden sich in Tagebüchern, Briefen und Krankenakten, die aus der unmittelbaren Nachkriegszeit stammen, immer wieder Hinweise auf massive Ängste, die in der Konfrontation mit den Besatzern und im Kontext der Entnazifizierungsverfahren auftauchten. Sie speisten sich ganz offenkundig aus einem hinreichend großen Wissen über die nationalsozialistischen Verbrechen, dem man nicht ohne Weiteres entkommen konnte.

Diese nagenden Erinnerungen suchten ehemalige Soldaten in ihren Träumen heim, zeigten sich aber auch als Antrieb für eine dauernde Beschäftigung mit der eigenen Person, die man irgendwie neu ausrichten musste, um mit der Vergangenheit leben zu können.

Der ehemalige Wehrmachtssoldat Franz F. war ein solcher Fall. Auch drei Jahre nach dem Krieg hatten ihn seine Kriegserlebnisse nicht losgelassen. Sie verfolgten ihn in den Schlaf, und auch tagsüber ertappte er sich immer wieder dabei, wie er einem Arzt erzählte, „wenn er sich mit Kriegsgeschehnissen beschäftigte“. Welche Gewalttaten das waren, konkretisierte er nicht, doch legte er sich zurecht, er habe zwei Seelen in seiner Brust, von denen die eine, die rücksichtslosere, nur unter den Bedingungen des Kriegs zum Tragen käme. Dem Arzt versicherte er dennoch: „Wenn er jetzt noch einmal vor viele Situationen gestellt würde, würde er sicher rücksichtsvoller sein.“

Insbesondere für die heimkehrenden Soldaten lässt sich zeigen, dass ihr Leben in den ersten Jahren nach Kriegsende, entgegen dem äußeren Anschein, oft einer inneren Zerreißprobe glich, in der eine innere Balance erst wiedergefunden werden musste. Dabei erwähnten sie das Leiden der Gegner und die ermordeten Opfer zwar äußerst selten, doch blieben diese gewissermaßen im verdrängten Bewusstsein. Diese heimliche Präsenz durchwirkte das Leben der Davongekommenen, ihre Rationalisierungsversuche des eigenen Verhaltens während des Kriegs und nicht zuletzt die Kommunikation in unzähligen Familien.

Svenja Goltermann
ist Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich und Mitherausgeberin des Online-Magazins Geschichte der Gegenwart. Zuletzt erschien „Opfer. Die Wahrnehmung von Krieg und Gewalt in der Moderne“ (S. Fischer).

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