Freitag, 20. September, 2019

Ein geschundener Ort: Die Gedenkstätte Seelower Höhen in Brandenburg

Von Nana Brink

Das Oderbruch in Brandenburg wird im Winter und Frühjahr 1945 zum Schauplatz für die größte Schlacht auf deutschem Boden. Mehr als zwei Monate lang toben die Kämpfe zwischen der Wehrmacht und der Roten Armee. In der viertägigen „Schlacht um die Seelower Höhen“ (16. bis 19. April) stehen mehr als eine Million Rotarmisten 120 000 Soldaten der Wehrmacht gegenüber.

Der Kampf um den Weg in die Hauptstadt Berlin ist blutig: Rund 33 000 Sowjetsoldaten und über 12 000 Wehrmachtsangehörige verlieren ihr Leben. Ein junger sowjetischer Leutnant schreibt in sein Tagebuch: „Dann kamen Panzerkolonnen. Es war ein furchtbares Bild. Ich sah, wie sie alles, was sich ihnen in den Weg stellte, beiseiteschoben. Wer nicht vom Weg kam, wurde überrollt und blieb als nasser Fleck liegen.“

Schon wenige Monate nach Kriegsende beauftragt die Rote Armee den sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel, drei große Denkmäler zu entwerfen, die den Weg der siegreichen Roten Armee nach Berlin symbolisieren sollen: von der Festung Küstrin über die Seelower Höhen (4) bis zum Berliner Tiergarten (3).

Die Monumentalplastik in der Seelower Gedenkstätte zeigt einen Soldaten der Roten Armee neben einem zerstörten deutschen Panzer. Zu Füßen der Bronzefigur befinden sich die Gräber von 66 gefallenen Rotarmisten. Weitere 7000 sind auf dem Gelände der Gedenkstätte bestattet. Auf dem Sockel der weithin sichtbaren Plastik steht die Inschrift: „1941–1945 / Ewiger Ruhm den Helden, gefallen in den Kämpfen gegen die faschistischen Eindringlinge für die Freiheit und Unabhängigkeit der Sowjetunion“.

Von Beginn an ist die Gedenkstätte, die 1972 um ein Museum erweitert wird, Teil der offiziellen Geschichtsschreibung der DDR. Dort wird die „unverbrüchliche Waffenbrüderschaft“ mit der Sowjetunion und den Staaten des Warschauer Pakts zelebriert. Für viele Schulklassen, FDJ-Gruppen und NVA-Soldaten gehört ein Besuch der Gedenkstätte zum Pflichtprogramm. Bis 1990 besuchen 1,3 Millionen Menschen den Ort. Nach dem Mauerfall dauert es ein paar Jahre, bis die Ausstellung, die ausschließlich den „heldenhaften und opferreichen Kampf“ der Sowjetsoldaten zeigt, neu konzipiert wird.

Erst nach massiver Kritik aus der Bevölkerung wird die Rolle der Wehrmacht erklärt und auch das Leiden der Zivilbevölkerung dargestellt. Die Geschichte der Gedenkstätte und ihrer ideologischen Überfrachtung wird in der 2012 nochmals überarbeiteten Ausstellung ebenfalls ausführlich thematisiert.  www.seelowerhoehen.de 

LITERATUR Gerd-Ulrich Herrmann, „Die Schlacht um die Seelower Höhen. Erinnerungsorte beiderseits der Oder“, Ch. Links Verlag, Berlin 2015.