Sonntag, 15. Dezember, 2019

Das Festival „Die Welt des russischen Theaters“ in Berlin zeigte den Zustand von russischsprachigen Theatern in Europa

Von Marina Raikina

Das Festival „Die Welt des russischen Theaters“ ist eine kulturelle Brücke für Landsleute im Ausland. Waleri Jakow, Chefredakteur der Theaterzeitschrift Teatral, gründete es vor drei Jahren. Acht Theaterensembles aus Dänemark, Deutschland, England, Finnland, Frankreich, Israel und Österreich zeigten ihre Theaterstücke auf vier Bühnen, die über die ganze Stadt verteilt waren, darunter eine Schulaula.

Es existiert nur eine sehr vage Vorstellung vom russischsprachigen Theater im Ausland, und die ist durchaus skeptisch: Was kann es denn für russische Theatergruppen in Europa geben, wenn es dort schon genügend eigene gibt? Wer braucht sie und wer finanziert sie? Spielen sie überhaupt nach der russischen Theaterschule? Vier Festivaltage gaben Antworten.

Neben den Aufführungen fanden auf dem Festival auch Diskussionsrunden über Probleme der russischsprachigen Theater statt. Ihre Ergebnisse ließen sich mit dem bekannten Satz von Tolstoi über glückliche und unglückliche Familien beschreiben. Alle Glücklichen gleichen einander: Sie haben eine gemeinsame Sprache (Russisch), ein Publikum (Russisch), ein Repertoire (Klassik, zumeist russische) und die Tatsache, dass sie ohne diese Leidenschaft nicht leben können, ohne das Theater, das für die Russen fast schon zu einem Bestandteil des russischen Charakters geworden ist.

Alle unglücklichen Theaterfamilien sind auf ihre Weise unglücklich. Aber das Ausmaß dieses „Unglücks“ hängt oft davon ab, in welchem Land sie leben. Dieses „Unglück“ ist leicht mit der Formel „Zuschauer-Räumlichkeiten-Zuschüsse“ zu beschreiben. Gastspiele von russischen Theatern werden in den teilnehmenden Ländern unterschiedlich stark besucht, sie konkurrieren mit einheimischen Aufführungen.

„Wir Künstlergruppen im Ausland haben es nicht leicht“, sagt Elena Klyuchareva, Gründerin und Leiterin des Kabaretts Lori in Berlin, das es in Berlin seit sechs Jahren gibt. „Berlin ist mehr als voll von talentierten, hochprofessionellen Künstlern, die in Russland eine ausgezeichnete Ausbildung genossen haben, jedoch hier nicht entsprechend gefragt sind“, sagt die Moskauerin. „Die meisten Schauspieler in meinem Theater sind Emigranten. Sie alle verdienen Respekt dafür, dass sie nicht den Mut verloren und sich selbst gefunden haben.“

Erhält das Theater Hilfe von deutschen Stiftungen oder Berliner Behörden?

„Warum sollten die Deutschen die russische Kultur fördern?“, fragt sie zurück. „Sie haben ihre eigene. Es ist unsere Aufgabe, die Traditionen des russischen Theaters hier populär zu machen und zu verankern.“ 2009 sei der Verband der russischsprachigen Theater gegründet worden“, „um nicht ohne gegenseitige Unterstützung unterzugehen“, wie sie sagt. Zum Verband gehören Theater in Berlin, Dresden, Düsseldorf, Erlangen, Essen, München und Rostock.

Tatsächlich hat Deutschland vielleicht die größte russischsprachige Theatergemeinde der Welt. Es gibt keine genauen Zahlen, manche zählen 42 Theatertruppen, andere 65, aber jedes Ensemble hat sein eigenes Schicksal. Ilia Gordon, Leiter des Theaters Russkaja Szena (Russische Bühne) in Berlin, verlässt sich nur auf die eigene Kraft. Er und seine Frau, die Regisseurin Inna Sokolova, brachten im Jahr 2007 ihre erste Premiere in Deutschland zur Aufführung. Seit 2008 ist das Theater im Westen der Stadt zu finden.

Fjordor Newelski, Theaterbegeisterter aus Erlangen, stammt aus St. Petersburg und lebt schon seit 22 Jahren in Deutschland. Er hat zwar nur ein kleines Amateurtheater, für das keine Tickets verkauft werden. Dennoch kommt das Publikum schon lange und immer wieder gern. Er wird von der Stadt und von deutschen Stiftungen unterstützt. In Deutschland gibt es mehr als 1200 Amateurtheater. „Russischsprachige Theater erhalten genau die gleichen Zuschüsse wie deutsche Theater“, sagt Newelski. „So erhielten wir beispielsweise vom BDAT (Bund deutscher Amateurtheater) 10 000 Euro, für die Fahrt und Aufführungen auf dem Festival.“ Fjodor versichert, dass die deutschen Behörden keine Bedingungen für die Gewährung von Zuschüssen stellen.

Zuweilen können Theater noch mit Zuschüssen rechnen, aber von eigenen Räumlichkeiten können sie nur träumen. Hier richtet sich jeder so gut ein, wie er kann. Das israelische Theater ZERO von Oleg Rodowilski aus Kirjat Ono in der Nähe von Tel Aviv hat einen Luftschutzbunker gemietet, der in Friedenszeiten zu einem Theater hergerichtet wurde. Das Theater in Warschau nutzt eine Kirche. Laut Shanna Gerasimowa, der Leiterin des Theaters OK, ist die katholische Gemeinde in Polen im Gegensatz zu den offiziellen Institutionen offen für die russische Kultur.

Besser aufgestellt ist das Theater Dialog aus Kopenhagen. Es besteht seit 20 Jahren im Russischen Zentrum für Wissenschaft und Kultur. Geleitet wird es von der ehemaligen Schauspielerin des Moskauer Theaters Lenkom, Tatiana Derbenewa. „Ich denke, ich hätte am Lenkom keine große Schauspielkarriere machen können“, gesteht sie. „In meinem Theater spiele ich das, was ich will.“ Gerade bringt sie das Stück „Von der Liebe“ von Anton Tschechow heraus.

Überraschend wird klar, dass das russische Theater im Ausland vor allem eine Überlebensschule ist. Wer sie durchlaufen hat, so scheint es, fürchtet nichts mehr. Sie haben gelernt zu überleben. Dafür war es nötig, sich neben der Schauspielerei auch Buchhaltungs- und Managementkenntnisse anzueignen. Vor allem aber trägt die Menschen die Leidenschaft für das Theater. Damit allein schon sind sie glücklich.

Marina Raikina
ist Kulturredakteurin der Tageszeitung Moskowski Komsomolez.