Sonntag, 15. Dezember, 2019

30 Jahre Mauerfall: Die unerwartete Revolution

Von Ilko-Sascha Kowalczuk

Die gesamte Welt schaute 1989/90 atemlos nach Deutschland – jeden Tag passierten Dinge, die noch einen Tag zuvor für unmöglich gehalten worden wären. Der unzweifelhafte Höhepunkt war der Fall der Berliner Mauer, das jahrzehntelange weltweite Symbol für die Herrschaft der Kommunisten über halb Europa, in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989.

Überall auf der Welt stehen einzelne Mauersegmente und erinnern an die Mauer, die einst Berlin, Deutschland, Europa und die Welt teilte, das Symbol für Unfreiheit und Diktatur. Weltweit ist in viele Sprachen die Abkürzung „Stasi“ als Synonym für Überwachung und Unterdrückung eingegangen – die ostdeutsche Geheimpolizei des „Ministeriums für Staatssicherheit“ ist Symbol für die kommunistische Diktatur und ihren Unterdrückungs- und Überwachungsapparat.

Die Mauer war der sichtbarste Ausdruck eines allumfassenden Polizeistaats, der eine ganze Bevölkerung hinter Stacheldraht einsperrte. Auch in den USA stehen mehrere Mauerteile, so im Park der Präsidentenbibliothek von Ronald Reagan in Simi Valley, Kalifornien.

Reagan war es, der am 12. Juni 1987 am Brandenburger Tor in Westberlin die berühmten Worte sprach: „Mister Gorbachev, tear down this wall!“ Millionen hinter der Mauer eingesperrten Menschen machte er Mut, die freie Welt habe sie nicht vergessen.

Die Mauer rissen nicht nur Ostdeutsche, sondern Polen, Ungarn, Tschechen und Slowaken, Esten, Letten und Litauer gemeinsam ein. Die ersten Steine aus der Mauer brachen die Polen seit 1980 mit ihrer antikommunistischen Solidarność-Bewegung heraus.

Als die Mauer am 9. November 1989 von den Ostdeutschen endgültig durchbrochen war, zögerten London und Paris, sich auf die Seite der Deutschen und ihrer nun in Aussicht gestellten Einheit zu stellen. Anders die Polen und vor allem die USA. Namentlich US-Präsident George Bush versicherte den Deutschen umgehend, dass die USA als verlässlicher Partner an der Seite Deutschlands stünden und alles dafür tun würden, dass sie ihre staatliche Souveränität und Einheit so schnell wie möglich zurückerhalten. Bush war der wichtigste Freund in dieser Situation, dessen unbeirrbare Deutschlandpolitik rasch auch die übrigen einstigen Alliierten, einschließlich der Sowjetunion, zur Aufgabe ihrer Blockadehaltung gegenüber der Wiedervereinigung zwang.

So unstrittig in Deutschland diese außenpolitischen Entwicklungen für die Herstellung der deutschen Einheit sind, so leidenschaftlich wird gegenwärtig von Historikern und Zeitzeugen in Deutschland darüber gestritten, wer in der DDR maßgeblich für den Erfolg der Revolution gegen die SED-Diktatur gewesen sei.

Der Symboltag der ostdeutschen Revolution ist der 9. Oktober 1989. An diesem Tag demonstrierten mehr als 70 000 Menschen in Leipzig gegen die Kommunisten. Die Staatsmacht griff nicht ein, das von vielen befürchtete Massaker blieb aus. Noch Tage zuvor hatten hochrangige SED-Funktionäre erneut ihren chinesischen Amtskollegen ihre Bewunderung für deren Umgang mit Oppositionellen bezeugt – diese hatten in Peking und anderswo Anfang Juni 1989 hunderte Bürgerrechtler niedermetzeln und Tausende einsperren lassen. Die SED-Führungsriege kapitulierte angesichts der unerwarteten Menschenmassen in Leipzig. Revolutionen gewinnen jedoch nie gegen eine starke Herrschaft.

Die Diktatur fiel, weil „Voice“ und „Exit“ zusammenkamen, wie der in Deutschland geborene und in den USA lehrende und forschende Ökonom und Sozialwissenschaftler Albert Hirschman (1915 – 2012) das Spannungsverhältnis zwischen Einmischung und Emigration vor etwa fünf Jahrzehnten nannte. Tatsächlich hat die Forschung schon längst gezeigt, dass es nicht die eine Ursache für die ostdeutsche Revolution gab. Das System war marode, die Wirtschaft am Ende, die politischen Eliten handlungsunfähig, die Gefolgschaftstreue brüchig und Gorbatschow in Moskau nicht mehr Willens, den Status quo aufrechtzuerhalten.

Das SED-Regimes brach nicht allein zusammen. Dazu bedurfte es aktiver Menschen. Die einen gingen weg, flüchteten. Sie trugen erheblich zur Systemdestabilisierung bei. Die Opposition aber rief in Reaktion auf die Ausreisebewegung trotzig und drohend: „Wir bleiben hier!“ Die meisten Menschen blieben hinter der Gardine – wie bei jeder Revolution, sonst bräuchte es sie auch nicht – und warteten ab. Sie waren dann später die Beschenkten: Sie erhielten Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit ohne eigenes Zutun – auch das ist historisch gesehen ganz normal.

Das am 9./10. September 1989 gegründete „Neue Forum“ bot mit anderen neuen Bürgerbewegungen erstmals einen Ort der öffentlichen Verständigung. Binnen weniger Wochen bis Anfang Oktober nutzten tausende Menschen unter hohem persönlichen Risiko diese Chance. Die DDR veränderte sich von unten.

Die Menschen sind nicht zufällig auf die Straße gekommen. Diejenigen, welche die Leipziger Montagsdemonstrationen als Proteste aus der Kirche in die Gesellschaft trugen, waren Oppositionelle, die sich Jahre vor 1989 in Leipzig illegal organisiert hatten. Ohne ihre Idee, nach dem Montagsgebet seit Anfang September auf die Straße zu gehen, hätte es die berühmten Montagsdemonstrationen nicht gegeben.

Niemand behauptet, die Bürgerrechtsbewegung habe allein die Revolution gemacht. Aber für eine Revolution braucht es Sammelbecken für Gleichgesinnte. Die Gründung des „Neuen Forums“ entsprach solchen Überlegungen: raus aus den Kirchen und der Gesellschaft ein Angebot unterbreiten, das so breit formuliert ist, dass es auch kritisch eingestellte SED-Mitglieder erreicht. Binnen weniger Tage und Wochen schlossen sich zehntausende dem „Neuen Forum“ an.

Auf den Demonstrationen kam es zu massiven Polizeiübergriffen und vielen Festnahmen. Die Menschen skandierten der Staatsmacht entgegen: „Keine Gewalt!“ und forderten ihre hinter den Gardinen stehenden Mitbürger auf: „Bürger lasst das Glotzen sein, kommt herunter und reiht euch ein!“ Die meisten reihten sich nicht ein, verständlicherweise angesichts des massiven Polizeiaufgebots.

Die Vorgänge wurden schnell weltbekannt. Wie gelang das aber überhaupt? Dies war den Ostberliner Oppositionellen Aram Radomski und Siegbert Schefke zu verdanken. Sie schüttelten ihre Stasi-Bewacher ab, fuhren nach Leipzig und filmten unter größtem Risiko die Massendemonstration. Ein befreundeter Westkorrespondent schmuggelte die Aufnahmen nach Westberlin und von dort begannen sie ihren ikonischen Siegeszug um die Welt. Ohne diese Filmaufnahmen von Oppositionellen und ohne die Initiative Leipziger Oppositioneller für die Montagsdemonstrationen wäre die Revolutionsgeschichte anders verlaufen. Erst die Filmaufnahmen machten die Massendemonstration zu einem unumkehrbaren, nicht mehr zu leugnenden und vor allem viele andere Menschen motivierenden Ereignis.

Die Revolution in der DDR hätte vielleicht auch ohne die Opposition stattfinden können. Wer weiß das schon? Was wir wissen ist nicht nur, dass sie entscheidenden Anteil hatte. Wir wissen auch, dass der Kommunismus nirgendwo einfach so verschwand, nicht einmal in Rumänien oder Bulgarien. Vor allem in Polen, Ungarn, der CSSR und dem Baltikum war die organisierte Opposition entscheidend.

Es gibt noch zwei weitere Beispiele, die zeigen, dass das alles nicht so einfach ist: Kuba ist ähnlich abgewirtschaftet wie die DDR, aber die Diktatur verschwindet nicht. Und Nordkorea ist ein noch drastischeres Beispiel. Dort wiederum ist der Staat noch so stark, dass zurzeit kein Systemsturz in Sicht ist. Sollte der Staat dort aber wanken, so lehrt es die Geschichte, wird die Revolution auch in Nordkorea ohne den ansteckenden Mut Weniger, wie in der DDR, nicht möglich sein, um die Vielen zum Aufstand zu motivieren.

Ilko-Sascha Kowalczuk
ist Historiker. Zur Revolution legte er 2009 das Buch „Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR“ vor, zur Transformation 2019 „Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde“ (beides Verlag C. H. Beck).